Launige Performance: Moritz Rinke präsentierte in der Bremer Schwankhalle seinen ersten Roman

Rasende Moorleichenbeschauer

Kreiszeitung Syke

Von Tim SchomackerBREMEN (Eig. Ber.) · Lastet die Künstlerkolonie auf den Schultern einer Kindheit, kann sich der weitere Lebensweg als beschwerlich darstellen.

Bevor er anderswo ein erfolgreicher Theatermacher wurde, wuchs Moritz Rinke, Jahrgang 1967, unweit des Weyerbergs auf. In seinem ersten Roman, „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“, den Rinke in der Bremer Schwankhalle vorstellte, lässt er beide Hauptfiguren sich an Worpswede-Traumata abarbeiten.

Paul Wendland-Kück scheint sich an seiner Künstlerfamilienherkunft rächen zu wollen, indem er eine so gar nicht laufende Berliner Galerie stoisch weiter betreibt. Eine Strategie, die ihn zwar nicht glücklich macht, die die Vergangenheit immerhin aber so lange auf Distanz hält, bis die auf Lanzarote residierende Mutter ihn ins Teufelsmoor kommandiert: Das Haus der Familie droht, darin zu versinken. Anders als Paul wollte Peter Ohlrogge immer Künstler sein. Was ihm so lange gelang, bis Ulrich Wendland, Pauls Vater, ihm nicht nur die Frau nahm, sondern auch die Hängeflächen der angesagtesten Galerie.

Anders als, sagen wir: Natalia Ginzburgs „Familienlexikon“ oder Nabokows „Erinnerung, sprich“ hat Rinke zwischen sich und seine private Vergangenheit ein groteskes Gewirr von Papierfiguren-Existenzen gebunden. Wenn er an einer Stelle sagt, es sei eine Jugendliebe im Saal, die er mit ähnlichen Briefen torpediert habe wie jenen, die „Null-Kück“, eine Art Onkel von Paul, den Landmädchen vom fahrenden Trecker aus entgegen wirft, signalisiert das vor allem, dass es sich eben nicht um einen autobiographischen Text handelt. Jedenfalls nicht richtig. Und man kann sich für Rinke freuen, dass dem so ist.

Was mit ihm als Person indes zu tun haben dürfte, ist das präzise Zuhören. Denn die polaren und polarisierenden Stimmen, die aus dem Teufelsmoor aufsteigen, haben beeindruckend klare Konturen. Sie sind Knallchargen im besten Sinne und es bereitet Rinke Vergnügen, sie zu intonieren. Er rudert und gestikuliert, neigt sich beim Mutter-Sohn-Telefonat nach links und rechts, spitzt die Lippen und lehnt sich mit dem breiten Platt des lokalen Bauunternehmers zurück, als hätte er dessen Bauch. Würde er eine seiner Figuren nicht allen Schreibenden auf die Füße treten lassen, die einen Vergleich mit den Worten „man denke unweigerlich an...“ beginnen, dächte man unweigerlich an Otto Waalkes, der Gernhardt-Skripte vorträgt.

Ein anderer Eindruck, aus dem sich Rinkes Roman speist, geht so: Als vor Jahren ein Buch über die Vorliebe eines Teils der Teufelsmoor-Künstlerschaft für die nah an Blut und Boden gebaute nordisch-germanische Ideologie nebst Querverbindungen in den organisierten Nationalsozialismus im Worpsweder Rathaus vorgestellt wurde, gab es hübsche Tumulte. Wie einen Aufziehtrommelhasen hat Rinke diesen Teil der Koloniegeschichte in seinen Roman versenkt. Denn just in dem Moment, das Pauls gleichnamiger Großvater zum aktuellen „Künstler des Jahrhunderts (KdJ)“ bestimmt wird, taucht unweit des sich bedrohlich absenkenden Hauses eine Bronzeskulptur auf, die verdammt an Reichsbauernführer Walter Darré erinnert. Beim Versuch, sie rollend zu entsorgen, bleibt sie mit dem Grußarm im Moorgeflecht stecken. Und man kann dem Dorf dabei zuschauen, wie es verschreckt betrachten muss, wie sein Selbstbild implodiert.

Wenn „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“ mit fast 500 Seiten auch ein wenig zu lang geraten ist, ist es, zumal in Rinkes vergnügt performter Lesefassung, ein sprachlich präzise gebautes Stück Satire. Das sich aus der Region speist – Menschen im Württembergischen aber auch Freude bereiten dürfte. Schließlich sind der Kleingeist der Jahrhundertkünstlerauslober, die ländlichen Ränkespiele, die familiären Verschwiegenheitsweisen und das Scheitern der zugezogenen Großstädter mindestens so beweglich wie die Wolken, mit deren künstlerischer Simulation der kleine Paul sich in der Malschule abquälte.

Moritz Rinke: Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel. Kiepenheuer & Witsch. 480 Seiten. 19,95 Euro

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