Interview vor Auftritt in Scheeßel

Rapperin Sookee tritt beim Hurricane auf: „Hauptsache Bühne“

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Sookee steht am 23. Juni in Scheeßel auf der Bühne.

Scheeßel - Die 35-jährige Rapperin Sookee ist seit 15 Jahren in der Rap-Szene aktiv und hat bisher sechs Alben veröffentlicht. Sie engagiert sich gegen Homophobie, Sexismus, Rassismus und Antisemitismus in Deutschland.

Im Interview vor ihrem Auftritt beim Hurricane-Festival in Scheeßel am Sonntag, 23. Juni, erklärt sie das „Queer-sein“ und distanziert sich klar von Kollegen wie dem Rapper Gzuz von der 187 Straßenbande, der mehrfach vorbestraft ist, unter anderem wegen Körperverletzung, und mit seinem aktuellen Album kürzlich die Charts anführte.

Sie sind wohl die einzige Künstlerin, die in diesem Jahr sowohl beim Hurricane- als auch beim Deichbrand-Festival performt. Beides in einem Jahr geht normalerweise nicht. Ist das die Bestätigung einer Ausnahmestellung als Künstlerin?

Ach, die Beweggründe sind mir letztlich wumpe. Ich gehe nicht davon aus, dass man mich mit diesem Booking besonders ehren will. Ich bin auch gar nicht an irgendwelchen Ausnahmestellungen interessiert. Ich quatsche mir seit über einem Jahrzehnt die Schnauze fusselig, was die männliche Dominanz in der Musikindustrie angeht. Das Thema wird akuter und die Menschen beginnen, teilweise ambitioniert, teilweise zähneknirschend, zu reagieren. Für mich gilt: Hauptsache Bühne. Hauptsache Repräsentation. Hauptsache Platz schaffen für die, die auch schon halbe Ewigkeiten in den Startlöchern stecken. Hauptsache Kühlschrank füllen. Ich freue mich über jeden Job, jede Gelegenheit. Ob ich nun Feigenblatt oder das persönliche Anliegen Einzelner im Booking-Business bin, zeigt sich oft im Kontakt vor Ort auf den Festivals. Meistens bauen sich gegenseitige Vorurteile in der unmittelbaren Begegnung ab.

Werden diese Auftritte die ersten Erfahrungen mit diesen beiden Festivals sein?

Ich bin auf beiden Festivals noch nicht aufgetreten. Ganz große Festivals habe ich bislang nur 2017 als Antilopen-Gang-Ersatzbank gespielt. Meistenteils spielen wir nicht-kommerzielle, politisch orientierte Festivals, das ist eher mein Gelände, bislang. Aber offene Türen sind zum Durchgehen da, und solange ich nicht von oben bis unten mit irgendwelcher Konzern-PR vollgestickert bin, bewege ich mich auch gerne mal aus der Komfortzone heraus.

Hat sich zwei Jahre nach Ihrem Hit „Queere Tiere“ etwas für queere Menschen verändert?

Globalgesellschaftlich tut sich eine Menge: Transgeschlechtlichkeit gilt der Weltgesundheitsorganisation WHO nicht mehr als psychische Erkrankung, Taiwan hat als erstes asiatisches Land die Homo-Ehe eingeführt. In Brunei wurde nach der Scharia die Todesstrafe auf Homosexualität eingeführt, jedoch hat der Sultan nach massiver internationaler Kritik zugestanden, sie nicht zu vollstrecken. Keine Netflix-Serie kommt mehr ohne mindestens einen queeren Charakter aus. Selbst die verdammte AfD hat eine Lesbe an der Spitze. Aber: Die Industrie überschüttet uns mit rosa-blauer Scheiße. Vom Kinder-Gummistiefel über die Junggesellenabschieds-Ausstattung bis zum Bratwurst-Aroma für Sie und Ihn. Geschlechterstereotype sind mies hartnäckig, die Mehrheit beobachtet den queeren Aufbruch mit viel Argwohn, sexualisiert Homosexualität, setzt sie in die Nähe von Pädokriminalität und assoziiert sie mit HIV. Frauenliebende Frauen unterliegen der Gefahr, pornografisiert zu werden. Konservativismus leugnet die politische Schlagkraft und die individuelle Persönlichkeitsentfaltung der queeren Wende. Der Song ist nur ein Ton in diesem Diskurs-Orchester. Und alle, die mit der vermeintlichen Unnatürlichkeit von queerer Sexualpraxis oder Geschlechtlichkeit argumentieren und dafür ins Tierreich blicken, müssen jetzt erstmal an meiner Replik vorbei.

Hurricane-Ticker: Alles News vom Festival im Blick

Im Booklet Ihrer aktuellen CD „Mortem & Makeup“ sind sowohl Angela Merkel als auch Che Guevara abgebildet. Steht dahinter mehr als die Idee, ein derartiges Porträt könnte zum Text des jeweiligen Songs passen?

Begonnen hat das Ganze damit, dass Tino Brandt (Anm. d. Red.: in den 90ern einer der aktivsten Nazi-Kader in Thüringen sowie dortiger Landesvorsitzender der NPD) als mir die Idee zu „Hüpfburg“ kam, gerade wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt worden war. Wo doch dem ehrenhaften Nationalisten die deutsche Familie so ein hohes Gut ist. So sind nach und nach die Ideen für die Figuren in dem Booklet, das der Redenschreiber und goldhändige Maler Sönke Busch kalligrafiert hat, zusammengekommen. Bei Che Guevara verbindet sich noch sein „Hasta la victoria siempre“ mit dem Songtitel „Für Immer“. Für den Verschwörungsideologien-Song „Bilderbücher Konferenz“ musste natürlich der Pseudowissenschaftler und Eso-Nazi Axel Stoll dran glauben. Die Theater-Rebellin und Dramatikerin Sara Kane ist die Visualisierung für das psychiatriekritische Stück „SSRI“. Sie hat mit „4:48 Psychose“ einen heftigen Eindruck bei mir hinterlassen. So hat jedes Portrait seine Geschichte.

Sookee über das „aufMUCKEn“, ihre Motivation und einen neuen Song

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Sie haben dem Duo SXTN Sexismus vorgeworfen. Aber auch bei Ihnen kommen Ausdrücke wie Hurensohn und Bitch vor. Warum dann die Kritik?

Die Begriffe zu verwenden, ist kein Problem. Es kommt drauf an, wer sie wie verwendet. Ich für meinen Teil steh so gar nicht auf Trends, die sich mit Provokationen in die Charts bewegen. Mir ist Sprache wichtig, ich bin auf der Suche nach Präzision und Erbauung. Getreten wird grundsätzlich nur nach oben. So verstehe ich Satire. SXTN sind inzwischen solo unterwegs, deswegen kann und will ich pauschal über sie nichts sagen. Aber ich denke schon, dass sich einzelne Acts über die allgemeine Sensibilisierung für feministische Themen inhaltlich zukünftig neu aufstellen werden. Der Aufruhr rund um Gzuz beispielsweise trägt hierzu bei. Danke Gzuz, dass du so ein Arschloch bist.

Wie nimmt ein Festival-Publikum Statements gegen Homophobie oder Rassismus auf? Hört man im Lärm der Menge manchmal auch Ablehnung gegen die Statements?

Schon! Vereinzelt turnen ein paar Verspulte durch die Menge, die dann irgendwelchen kontraproduktiven Quatsch reinrufen. Damit muss man von der Bühne aus umgehen. Alkohol ist leider ein Verstärker. Ich trinke seit dem letzten Festivalsommer nicht mehr. Besoffen sein nervt. Besoffene leider oft auch. Ein Nachteil an Festivals.

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