Abbild und Abstraktion im Dialog: Der Fotograf Laurenz Berges in Oldenburg

Räume in Randzonen

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Laurenz Berges: Bei Tante Emma, 2010.

Oldenburg - Von Rainer Beßling. „Am Markt I“ zieht den Blick an. Gleißendes Licht fällt durch eine Gardine in einen dämmrigen Raum. Die Falten changieren zwischen Wärme und Kälte, weichem Fluss und kantiger Härte.

Die Fotografie macht jede einzelne Textilfaser sichtbar. Die Gitterstruktur des Stoffs ist ein grafisches Ereignis, von einer mit Licht modellierten Plastizität und einer von Halbschatten aufgeladenen Raumatmosphäre begleitet. Das Fenster bietet weder Ausblick, noch lässt es Licht ins Innere. Vielmehr verweist es in seiner Überstrahlung auf eine eigene Gestalt und Materialität. Das Zimmer wird zur Kulisse für eine Ikone mit Gefühls- und Bedeutungsüberschuss.

In seinem aktuellen Auftritt im Oldenburger Kunstverein präsentiert Laurenz Berges zum Auftakt Innenaufnahmen, ein Thema, das bereits in einer Schau des Düsseldorfer Fotografen am selben Ort 2000 im Zentrum stand. Die neueren Arbeiten knüpfen an Aufnahmen verlassener russischer Kasernen und vom Braunkohletagebau verdrängter Wohnräume an. Dabei erweitern sie in komplexerer Bildsprache und deutlich wiedererkennbarer Handschrift die Kompositionsmöglichkeiten im Motivkreis „Interieur“.

Lässt die abblätternde Tapete in der Fotografie „Merk linde“ (2009) den Gegenstand noch deutlich erkennen, wirkt eine „o.T.“ benannte Aufnahme einer Wand wie eine monochrome Komposition. Die Spuren eines Rahmens verleihen dem fast abstrakten Bild eine beschreibende Ebene. Der Schmutzrand bringt Verschwinden, Verlassen, das Vergangene ins Spiel, Hauptthemen im Werk von Berges. Grafische und malerische Momente gewinnen in den aktuellen Werken an Gewicht, ohne dass die abbildenden, dokumentierenden Aspekte der Fotografie verschwinden würden. Seiner Vergangenheitsschau in spurenreichen Leerräumen und verwitterten Randbezirken lagert der Künstler durch Formauflösungen eine subjektive Nostalgie an. In der Fotografie „Bei Tante Emma“ fußen zwei Stufen wie archäologische Relikte an einer nackten Hauswand und erinnern sinnbildlich verdichtet an eine untergegangene Einkaufskultur.

Berges, der seine fotografischen Studien an der Essener Folkwang-Schule begann, gemäß dem dortigen Credo auch journalistisch tätig war und nach einem Aufenthalt in New York in die Becher-Klasse kam, ist ein Bewunderer von Walker Evans. Der Amerikaner hat den wichtigen und zugleich schillernden Begriff des „dokumentarischen Stils“ geprägt. Er sieht ihn als kompositorisches Mittel in der künstlerischen Fotografie, ohne dass diese mit Fotografien zu dokumentarischen Zwecken verwechselt werden dürfte.

Behausungen ohne Häuslichkeit

Auch die Präsentationsform seiner Innenaufnahmen verweist auf Berges‘ Weg zwischen Abbild und Eigenständigkeit der Komposition. Mit einer geschliffenen weißen Leiste gerahmt, behaupten die Fotografien hinter Museumsglas ihre spezifische „Materialität“ und schließen zugleich an die auratische Wirkung malerischer Tableaus an. Die Verteilung der Formate im ersten Raum könnte darauf deuten, dass mit wachsender Größe des Bildes die Abstraktion zunähme. Die Fortsetzung der Ausstellung im Zwischenflur des Kunstvereins bestätigt dies nicht. Nach kleinformatigen Darstellungen mit hohem Abbild-Charakter folgen kleinere abstrakte Arbeiten.

Berges bietet weder Geradlinigkeit noch Eindeutigkeit. Sein Umgang mit dem Raum reicht von der klassischen Tiefenstaffelung im Bild einer Baumgruppe vor einer Hausfassade über lediglich angedeutete, subtil modellierte Räumlichkeit bis hin zu verwinkelten, hintergründigen Raumsituationen. In den jüngsten Arbeiten, im Mittelkubus des Kunstvereins platziert, treten Möbel wie mächtige organische Wesen oder Haushaltsgerätschaften als Stellvertreter von Akteuren auf. Ein Wäscheständer in einem Hinterraum könnte auf die Verlassenheit des Ortes hindeuten, aber auch die Ankunft eines Akteurs ankündigen. Mit leiser Lichtdramatik und nuanciertem malerischem Kolorit, diversen Blickachsen und unbestimmten Raumbeziehungen schafft die Komposition bei aller Sachlichkeit geometrischer Formationen die rätselhafte Stimmung einer Behausung ohne Häuslichkeit. Eher ein Tat- als ein Wohnort. Präsenz des Abwesenden und Gegenwärtigkeit des Vergangenen fließen in dem leicht ruinösen Ambiente zusammen.

In einem Wohnraum, der an Lebenschaos und mentalen Aufruhr denken lässt, spiegeln sich Gerümpelhügel in einem alten TV-Bildschirm als altmeisterliches Stillleben. Sogar ein leibhaftiger Mensch tritt in einer Fotografie auf, wenn auch ruhend, also tendenziell eher wieder abwesend. Die jüngsten Arbeiten von Laurenz Berges besitzen hohe erzählerische Momente. Zugleich inszeniert der Fotograf in der charakteristischen Oberflächenästhetik der Plattenkamera und der damit verbundenen Langsamkeit und sorgfältigen Planung formal zugespitzt hochemotionale Raumszenen. Virtuos lässt er, das spiegelt die Oldenburger Schau eindrucksvoll, die verschiedenen Stränge und Facetten seines Schaffens aktuell zusammenfließen.

Bis 20. Januar. Di-Fr 14-17 Uhr, Sa+So 11-17 Uhr.

Eintrii: 3 Euro

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