Elena Ferrante erzählt, wie schonungslos Nähe sein kann

Vom Rätsel einer Freundschaft

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Vielleicht wohnen Elena und Lila aus Elena Ferrantes Romanen hier? Blick auf ein Wohnhaus im Rione Luzzatti in Neapel.

Berlin - Von Katia Backhaus. Der vierte und letzte Band der neapolitanischen Saga von Elena Ferrante zeigt endgültig, was die insgesamt mehr als 2 200 Seiten nicht sind: ein Roman über eine rosarote Frauenfreundschaft. Denn die Beziehung, die die Hauptfiguren Elena und Lila verbindet, ist oft brutal, hart und kalt. Trotzdem ist sie unantastbar.

Das Rätsel, warum diese Freundschaft Bestand hat, macht den eigentlichen Kern dieses Bandes – und aller vier Bücher der Saga – aus. Zugleich scheint sich diese Frage schon zu Beginn der „Geschichte des verlorenen Kindes“ erledigt zu haben: Als sich die Freundinnen, beide Anfang 30, nach einiger Zeit wiedersehen, ist die Stimmung eisig. 

Lila hakt sich bei Elena unter, diese notiert: „Sie will sich einreden, dass wir immer noch dieselben sind, aber es wird Zeit, anzuerkennen, dass wir uns gegenseitig verschlissen haben. Ihr Arm ist wie ein Stück Holz oder wie das gespenstische Überbleibsel unseres aufregenden Kontakts von früher.“

Das aufregende Leben – schon vorbei? Elena hat in Pisa studiert, erfolgreich einen Roman veröffentlicht und in Florenz einen Professor aus gutem Hause geheiratet. Doch am Ende des dritten Bandes bricht sie aus. Sie will den nahezu perfekten Gegenentwurf zu dem schäbigen, unterprivilegierten Leben im Rione, das Lila als de facto Geschiedene, Mutter und Arbeiterin in einer Wurstfabrik führt, nicht mehr.

Elena fängt, könnte man sagen, endlich ein eigenes Leben an – mit Lilas großer Jugendliebe Nino. Deren Kommentar dazu jedoch vernichtet den Wert, den diese vermeintliche Befreiung hat, mit einem Schlag: Eine dumme Entscheidung, schreit Lila am Telefon – und damit ist es um die Restwärme dieser Freundschaft geschehen.

Elena kehrt in das Viertel ihrer Kindheit zurück

Angesichts dieser Anfangskonstellation verwundert, wie viele Wendungen „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ nimmt – die alle hin zur nur scheinbar bedeutungslos gewordenen Freundin und dem verachteten Neapel führen. Die wohl größte Überraschung: Elena kehrt in das Viertel ihrer Kindheit zurück. 

Aus guten Gründen: Sie will den Roman, den sie über das Leben im Rione schreibt, authentischer machen. Doch ebenso sehr ist die Rückkehr ein Absprung von dem angenehmen Plateau, das Elena sich hart erarbeitet hat. Die Beziehung mit Nino entpuppt sich mit der Zeit als ein Auskommen mit der Abwesenheit, die Beziehung zu Lila erlebt sie zunächst als Abwehr gegen das Verstricktwerden in die engen Netze der Vergangenheit.

„In dieser Zeit war ich erstmals erstaunt, wie streng abgesteckt das Gebiet war, das Lila sich zugeteilt hatte.“ Der Rione, sonst nichts scheint die Freundin mehr zu interessieren. Warum aber kehrt Elena zu ihr zurück? Weil die Vermutung, dass Lila die wahrhaft „geniale“ der beiden Freundinnen ist, sie nicht loslässt.

Dass die andere in der Lage ist, sich mithilfe eines Fernstudiums Kenntnisse anzueignen, die ihr schließlich ermöglichen, eine eigene Computerfirma aufzubauen, gibt Elena recht. Ebenso die Beobachtung, dass Lila den Rione und dessen Bewohner fest in der Hand hat: „Sie war es, die die Fäden zog, die schaltete und waltete.“ Lila dosiert die Preisgabe ihrer Geheimnisse sorgfältig. Und so ist und bleibt die Freundschaft zu Lila für Elena eine Institution, von der sie sich nicht lösen kann – auch wenn Desinteresse, brutale Direktheit und Verschlossenheit diese Beziehung prägen.

Der Wille zur Auslöschung ihrer Person

Sie hat dennoch Bestand, denn trotz aller Verletzungen bleibt ihre Voraussetzung unberührt: dass beide, Lila und Elena, einander eine Größe zuschreiben, die keine Abkehr von der anderen erlaubt. Bei Lila ist es ihr Wille, der sie nichts und niemand anderem als sich selbst folgen lässt, und der – so wird immer deutlicher – schlussendlich der Wille zur Auslöschung ihrer Person ist. Bei Elena ist es die geistige Kraft, die nicht nur Fleiß und Intellekt beflügelt, sondern die sie lange gegen jede Vernunft an ihrem Traum vom Leben mit Nino festhalten lässt.

Der vierte Band der neapolitanischen Saga ist nicht zuletzt auch Zeugnis des Verschmelzungsprozesses, der die Überlegungen und Zweifel der Schriftstellerin Elena Greco mit der Stimme des Pseudonyms Elena Ferrante zusammenbringt. Und so wird die schreibende Protagonistin immer mehr Erzählerin ihrer eigenen Geschichte, die doch auch die gemeinsame Geschichte von Lila und Elena sein soll. „Doch ich musste einsehen, dass alle diese Seiten nur von mir stammen“, schreibt Elena am Schluss. Lila verschwindet – weil die Freundin das eine tat, was sie nicht sollte: von ihr erzählen.

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