Bob Dylan und Mark Knopfler in Hannover: Was einst zusammenpasste wie Deckel auf Eimer, ist heute eine Schnapsidee

Das Rätsel von His Bobness

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Sehr nett, aber eben auch nur das: Mark Knopfler bei einem Konzertauftritt im Rahmen der gemeinsamen Tour mit Bob Dylan. ·

Hannover - Von Rainer Köster„Warum Knopfler?“ fragt Jens Balzer in seiner Rezension des Berliner Konzertes berechtigterweise und zieht doch den falschen Schluss: „Diese Frage ist jedenfalls bis heute unbeantwortet geblieben.“ Nö, ist sie nicht, denn es ist ziemlich einfach zu erklären, warum sich Bob Dylan 1979 Mark Knopfler für „Slow Train Coming“ ins Studio geholt hat: Knopfler galt nach seinem Debütalbum „Dire Straits“ in der Gitarrenszene als das Maß der Dinge und sein entspannter, abgehangener Stil passte zum Dylan-Gestus jener Tage wie Deckel auf Eimer.

Nicht zu beantworten ist vielmehr die Frage, wie Dylan auf die Schnapsidee gekommen ist, im Jahre 2011 sich selbst und Mark Knopfler in einen Konzertabend zu zwingen, denn was vor 32 Jahren passte, liegt inzwischen musikalische Lichtjahre auseinander. Wie konnte „Mr Bob“ (Knopfler), der laut Knopfler der Einladende zu diesem Treffen war, ernsthaft davon ausgehen, ein gemeinsames Publikum oder zumindest eines mit ausreichend großer Schnittmenge zu finden? Das war das Mysterium über diesem merkwürdigen Musikereignis, das in Hannover in seine vorletzte Runde ging.

Mark Knopfler fing an und bespielte 80 Minuten lang vor siebenköpfiger Band das Auditorium. Er steht seit langem für eine von Ecken und Kante freie, weichgespülte Folk-Rock-Mixtur, die man, wenn man gutwillig gestimmt ist, als „geschmackvoll“ beschreiben kann.

Nicht, dass er schlecht war in Hannover. Er ist ein wirklich sehr guter Gitarrist, seine Arrangements und Spannungsbögen sind gefällig und bedienen präzise die Erwartungen seines Publikums. Von der Fiddle über Gitarre, E-Bass bis zu Flöten und elektrifiziertem Dudelsack genügen seine Musiker dabei handwerklich höchsten Ansprüchen. Da er kein besonders begabter Komponist ist, schöpft Knopfler immer wieder gern aus dem traditionellen amerikanischen oder keltischen Fundus und unterlegt dies mit kritischen Texten. Das zeitigte bisweilen hübsche Ergebnisse: das alte „Brothers In Arms“ zum Beispiel (das er nicht spielte) oder das neuere „Privateering“ (das er spielte). Irisch/schottischer Folkrock dominierte dann auch seinen Set und es war sehr nett, aber eben auch nur das. Die Anspruch heischende Mixtur aus Wohlklang und kalkuliertem Effekt wirkte glatt und das sich im Verlauf steigernde keltische Brimborium erschloss sich nicht – es blieb Attitüde. Man gehe mal in ein Konzert zum Beispiel der Battlefield Band und erlebe, mit welcher Kraft und welchem Enthusiasmus dort schottische Tradition transportiert wird.

Nun gut. Das Knopfler-Publikum war begeistert und in der Pause konnte man am Biertresen Fachsimpeleien darüber lauschen, ob das eine oder andere Stück nun irisch oder schottisch gewesen sei, und dass der gute Bekannte beim Hamburg-Konzert ja nach dem vierten Dylan-Stück völlig entnervt nach Hause gegangen sei. Womit wir beim Thema wären.

Bob Dylan kam und rockte von der ersten Sekunde los wie Robert aus der Krachmacherstraße. Vier Stück lang durfte Mark Knopfler noch mitspielen und störte mit manieristischem Gegniedel. Dann endlich verschwand er und Gitarrist Charlie Sexton übernahm das Kommando. Von dem Moment an wurde es zu einem der besten Rockkonzerte, die ich in den letzten Jahren in großen Hallen gehört habe. Dieser Punk-Gestus, den Dylan und Sexton in diesem gnadenlos lauten Konzert transportierten, dieser mitreißende Drive, diese auf den Kern konzentrierte Band, der Verzicht auf Gimmicks und Ornamentik, dazu Dylans bellendes Krächzen, denn singen kann er live nicht mehr: Das hatte wohl kaum jemand erwartet. Kein Lied klang wie man es kannte, Ratespiele: War das nicht…? Herausragend, wenn überhaupt etwas hervorstach aus diesem vermutlich besten Dylan-Konzert seit langem: „Highway 61 Revisited“. Krachend, von Sextons schneidender Gitarre getrieben, Dylan „sang“ es mit kieksenden Endlauten so, dass es ein wenig brauchte, bis man es erkannte. Dabei keinerlei Mätzchen. Wo Knopfler sich als Mittelpunkt eines gigantischen Lichtgedöns inszeniert hatte, wirkten Dylans Musiker wie Miniaturen auf einem überdimensionalen Nierentisch platziert. Über Konzertlänge blieb die Scheinwerfereinstellung statisch. Saß der Meister hinter seinen Keyboards, war er im Halbdunkel kaum auszumachen.

Muss man noch erwähnen, dass die Halle zu diesem Zeitpunkt deutlich geleert war? Die Knopfler-Fans hatten nach und nach die Flucht ergriffen. Ein Rätsel, warum sich His Bobness das angetan hat. Eine Zugabe gab es nicht, in Hannover. Am Schluss „Like a Rolling Stone“ als wackelige Punk-Nummer. Großartig.

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