Teodor Currentzis und sein Ensemble

Der Radikal-Dirigent

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Teodor Currentzis

Hannover - Von Jörg Worat. Nun ist er also in Hannover, der Dirigent, über den zurzeit die gesamte Klassikszene spricht: Teodor Currentzis, mal als radikaler Neuerer gepriesen, mal als Poseur verdammt.

Der gebürtige Grieche präsentiert mit seinem russischen Ensemble „musicAeterna“ vor rund 2 600 Besuchern im Kuppelsaal ein Programm, das ironischerweise von den Komponistennamen her – Mozart und Beethoven – als Inbegriff der Konvention gelten könnte.

Der Abend gerät derweil weder sensationell noch skandalös, aber zweifellos recht eigenwillig. Stilecht gibt es gleich zum Auftakt eine Änderung in der Abfolge: Als erstes erklingt entgegen den Angaben im Programmheft Mozarts Klavierkonzert Nr. 17, das Solist Alexander Melnikov zudem nicht, wie üblich, auf einem Steinway-Flügel vorträgt, sondern auf einem Hammerklavier. 

Das kommt weit weniger süffig daher und stellt gerade im gewaltigen Kuppelsaal eine extravagante Wahl dar, ist dafür aber bei entsprechender Behandlung sehr schön in den Orchesterklang einzubetten, wie diese Interpretation beweist.

Currentzis‘ Dirigierstil ist gewöhnungsbedürftig. Ohne Taktstock – getreu der einst geäußerten Devise, die Nutzung eines solchen sei dasselbe, als würde man „eine Geliebte mit Krücken umarmen“ – vollführt er hier seltsame Häckselbewegungen, scheint da fast zum Sirtaki anzusetzen, verortet dort das gewünschte Klangbild mit weit ausholendem Armschwung offenbar in Bodennähe.

Gewiss interessant, wie der schlaksige Dirigent zuweilen Nebenstimmen hervorzuheben versteht, manches scheint indes nicht wirklich nachvollziehbar, vor allem die Verschleppungen im Andante.

Kurios geht es weiter, dauert die Umbaupause doch länger als das folgende Stück, Mozarts „Figaro“-Ouvertüre, die Currentzis dem Publikum nachgerade um die Ohren schlägt, wobei dieser fulminante Ansatz einige Reize entwickelt.

Viel Zeit nach der Pause

Viel Zeit lässt sich der Dirigent hingegen nach der Pause – Beethovens 7. Symphonie wird gemeinhin deutlich schneller abgespult. Dabei kommen manche Facetten zum Vorschein, die sonst kaum jemals deutlich werden, und wer bislang noch nicht wusste, was ein echtes Pianissimo ist, bekommt es hier beispielhaft demonstriert. Auf der anderen Seite irritieren manche Brüche in Sachen Dynamik und Tempo, so beginnt das eingangs so zwingende Allegretto zwischendurch zu zerfasern.

Unterm Strich ein Abend, den man so schnell nicht vergessen wird. Dazu trägt bei, dass der Anteil historischer Instrumente vor allem bei den Bläsern sehr individuelle Klangcharakteristika hervorbringt. Ganz zu schweigen vom Ausbleiben jeglicher Zugaben. Und von der Tatsache, dass die Musiker weitgehend im Stehen spielen. 

Marotten oder Zeichen einer ganz neuen Orchesterkultur? Wie auch immer – die Publikumsreaktionen fallen jedenfalls überwiegend sehr positiv aus. Wobei die Frage gestattet sein muss, ob solcher Jubel nicht bis zu einem gewissen Grad dem bedingungslosen Wunsch nach kleineren oder größeren Revolutionen in der Klassik-Interpretation geschuldet sein mag.

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