Der Komponist Hans Joachim Hespos wird 75 Jahre alt

Quirlig vermanscht, näselnd verbeult

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Schätzt vor allem die pure Emotion auf der gesanglichen Linie: Komponist Hans Joachim Hespos.

Ganderkesee - Von Ute Schalz-Laurenze. „Es geht nicht länger an, dass ein hoher Chef d'Orchestre seine Pultmusiker weiterhin an den Unzusammenhang einer Spielstimme verbannt, um sie, die vom Ganzen erst gar nichts erfahren und kaum sinnvoll aus sich selbst heraus gestalten können, besser in dem beherrschenden Griff zu halten.

Das ist Ausbeutung und schlampige Tradition, solche Zustände gilt es abzuschaffen“, wetterte einst der in Emden geborene und in Ganderkesee lebende Komponist Hans Joachim Hespos und zog daraus von Anfang an alle Konsequenzen fürs Komponieren und Musizieren. Alle Musiker spielen stets aus einer Partitur. Und er schrieb Noten und Spielanweisungen, die ein „dienstmäßiges“ Spielen unmöglich machen. Seine Musik ist selten eine Setzung, sondern immer ein Horchen, ein Warten, ein Reagieren, das den Hörer mitnimmt auf eine Reise in „riskantes Leben und lebendige Prozesse“ (Hespos), wenn man denn zuhört.

Er hat seine eigene Notenschrift entwickelt mit Interpretationsanweisungen wie „in sich quirlig vermanscht“, „spuckig“, „zerknautscht“, „näselnd verbeult“, aber auch „näselnd verpresst“. Über 6 000 solcher Spielanweisungen gibt es in den Partituren, die ein allein professionelles Abspielen nicht erlauben, sondern eine totale Identifizierung provozieren, wie es im Jazz der Fall ist.

Damit hat sich Hespos, der heute 75 Jahre alt wird, seinen speziellen und einzigartigen Ruf erworben: den Ruf, Musiker in ihrer eigenen Kreativität ernst zu nehmen, ihr extremstes Können zu fordern und gleichzeitig seine angebliche Unspielbarkeit zu zementieren. Das erste führt zu beglückenden und geglückten Erlebnissen, das zweite zu Widerständen, die teilweise in Skandalen mündeten.

Stets bezieht er auch die Psychodramatik und -dynamik von Musik in das musikalische Geschehen szenisch ein: Wenn einer seine Stimme sucht, wenn er nicht weiterzukommen glaubt, wenn er eine Konkurrenz aufbaut, wenn das Verhältnis von Dirigent und Spielern ironisiert wird, wenn im „Ohrenatmer“ der Trommler mit seinen Keulenschlägen die hochgehängte Trommel nie erreicht: nicht selten führt das zu einer unbeschreiblichen Komik.

Zahlreiche Kulturereignisse hat er auf dem platten Land ins Leben gerufen, das älteste und international bekannte ist das Mini-Festival „Neue Musik in Delmenhorst“, das an jedem 11.11. stattfindet, „damit niemand je diesen Termin vergisst“. Hier treten die besten Interpreten der Neuen Musik auf, dabei finden zahlreiche Uraufführungen statt.

Hespos' Liebe gilt szenischen Werken, auch der Oper. Acht abendfüllende Werke sind entstanden und uraufgeführt worden, zum Beispiel „itzo-hux“ 1981 in Oldenburg, „Nachtvorstellung“ 1986 in Bremen, „iOPAL“ 2002 am Staatstheater Hannover. „iOPAL“ nennt er ganz traditionell „große Oper“ – es ist eine Hommage an den von ihm verehrten Gesang des Bel Canto. Das Prinzip des Bel Canto, das der Komponist Luigi Nono genauso geschätzt hat, mit dem die pure Emotion auf dem Atem und der gesanglichen Linie liegt, fasziniert ihn bis heute und findet auch seinen Niederschlag in vielen anderen Werken.

Auf die Frage, warum er komponiere: „Komponieren, Singen – das gehört für mich zum Leben wie Atmen, Lieben, Denk-Fühlen, Verdauen, Lachen, Weinen.

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