Queen Ester Marrow und die Harlem Gospel Singers beschwören die Hoffnung

Zuversicht in Pluderhosen

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Verbindendes Spektakel: Die Harlem Gospel Singers in Aktion.

Bremen - Von Mareike Bannasch. Baseballkappen, Kapuzenpullover und Latzhosen: Heute tragen sie leger. Vorbei die Zeiten des Glamours, jetzt ist Lockerheit gefragt. Zumindest für den zweiten Teil des Abends.

Dort, wo die Harlem Gospel Singers früher in langen Abendkleidern von ihrer Liebe zu Gott und vom unerschütterlichen Glauben sangen, stehen heute junge Leute in Klamotten auf der Bühne, die sie auch auf den Straßen Harlems tragen würden. Glaubt zumindest der europäische Zuschauer. Offensichtlich reicht der Stempel Gospelbotschafter nicht mehr aus, um auch jüngere Zuhörer anzusprechen, von denen am Freitagabend in der Bremer Glocke tatsächlich etliche in den Reihen sitzen. Gemeinsam mit ihren Eltern oder Großeltern, Gospel als verbindendes Spektakel. Bei dem vor allem eine im Mittelpunkt steht: Queen Esther Marrow, die Gründerin des Gospelchores, der seit einem Vierteljahrhundert auf Tournee geht.

Glaube, Vergebung, Liebe: Drei Worte, die an diesem Abend immer wie auftauchen. Und ein bisschen wie Hohn wirken, angesichts der unzähligen Morde, die überall auf der Welt unter dem Deckmantel des Glaubens verübt werden. Doch die Toten in Syrien, Paris und anderswo spielen keine Rolle an diesem Abend. Wenngleich Queen Ester Marrow in einer ihrer Anmoderationen von schwierigen Zeiten spricht, in denen wir uns da befinden, geht sie doch nicht näher auf die Nachrichten der vergangenen Wochen ein. Heutige Zeiten schreien offenbar weniger nach klaren Worten, sondern nach Liedern voller Zuversicht. Und Zuversicht haben die Sänger und Musiker massenhaft im Gepäck, wie sie allein oder mit dem Ensemble die Lieder aus ihren Kirchen singen.

Allerdings haben es die Amerikaner im Talar anfangs nicht leicht, unterkühlte Norddeutsche zum Mitmachen zu bewegen und ein Gefühl wie in ihren eigenen Kirchen zu schaffen – inklusive Zwischenrufe und Herumlaufen. Zwischenrufe gibt es auch nach einer Stunde nicht, dafür aber immerhin Mitklatschen und lauten Jubel, die Beharrlichkeit der Sänger hat sich gelohnt. Ganz zu schweigen von ihren hervorragenden stimmlichen Fähigkeiten.

Denn was die acht Sänger an diesem Abend zeigen, hätte bei jedem einzelnen von ihnen für ein überzeugendes Soloprogramm genügt. Besonders Susu Bobien begeistert mit ausdrucksstarkem Alt in dem Lied „You got to have faith“. Mit kraftvoller Stimme beschwört sie Vertrauen, wiegt sich hin und her, schreit – und hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Nicht nur beim Publikum, sondern auch bei ihren Mitstreitern, offensichtlich hat Bobien einen besonders guten Auftritt hingelegt.

Das findet auch Queen Ester Marrow, die bei den Solopartien ihrer „Babies“ auf einem Hocker neben dem Piano thront. Die 73-Jährige hat mittlerweile einen Stellenwert erreicht, an dem sie nicht mehr jeden Song singen muss und so Platz machen kann für jene, die sie dieses Mal gecastet hat.

Doch wer glaubt, dass diese Rücksichtnahme auch ihrem Alter geschuldet ist, der irrt. Greift Marrow zum Mikro, ist es Zeit, sich auf Staunen und Begeisterung gefasst zu machen. Wie beim Lied „Elijah Rock“, seit etlichen Jahren im Programm, gehört es zu den Pfeilern eines jeden Auftritts der Harlem Gospel Singers. Ein Stück, das leise, ja fast schon unscheinbar startet und aus dem sich schließlich die unbändige Kraft des Gospels ihren Bann bricht. So auch in der Bremer Glocke, wo die Amerikanerin im Mittelteil des Liedes zum Duell mit dem Saxofonisten Marquis Sayles antritt – und ihn locker an die Wand singt. Hält sie den letzten Ton des lang gezogenen Elijahs ohne Probleme über mehre Takte, muss ihr junger Musiker zweimal Luft holen. Ganz im Gegensatz zu Marrow, die im Jubel der Menge badet, bei der nun der Knoten geplatzt ist und die nicht zum letzten Mal von ihren Sitzen springt.

Willkommen im Gottesdienst, in dem Marrow ein ums andere Mal zur Predigerin wird, während sie die Botschaft der Lieder umreißt oder ihren Zuhörern Ratschläge gibt. Ohne dabei aufgesetzt zu wirken, man nimmt ihr und ihrem Ensemble die Begeisterung für ihre Musik und das Singen wirklich ab. Zumal der pastorale Einschlag nicht immer präsent ist.

So haben die Harlem Gospel Singers auch weltliche Lieder im Repertoire, dieses Mal ist es eine Hommage an Stevie Wonder. Umringt vom Chor sitzen Pianist Anthony Evans und Queen Ester Marrow da und wirken fast schon wie ein altes Ehepaar. Das mit unverhohlenem Stolz auf den Nachwuchs gemeinsam mit ihren Enkeln und Kindern die Hits des Schmusebarden singt. Allerdings ohne sich selbst in Pulli oder Pluderhose zu zwängen – mit über 70 Jahren muss man ja auch nicht mehr alles mitmachen.

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