Nora Somaini verhebt sich im Theater am Leibnizplatz an William Shakespeares „Hamlet“

Quartett der Geister

Laut: Christian Bergmann.

Von Alexander Schnackenburg BREMEN (Eig. Ber.) · Wirklich lustig wurde es erst, als die Vorstellung vorüber war.

Denn dann trat der Schauspieler Peter Lüchinger vor das Publikum und forderte es auf, sich diesen „Hamlet“ der Bremer Shakespeare Company noch einmal anzugucken: weil man das Stück beim ersten Hinsehen kaum verstehen könne, so viel Denkstoff liefere es. Dem ist nichts hinzuzufügen – außer vielleicht die Empfehlung an das Publikum, sich nächstes Mal lieber eine andere „Hamlet“-Inszenierung anzusehen, eine, die nicht nur verständlicher, sondern auch durchdachter ist als ausgerechnet diese der Shakespeare Company.

Denn dass die Regisseurin Nora Somaini (und womöglich auch das Ensemble) den „Hamlet“ auch nach mehrwöchiger Probenzeit immer noch nicht verstanden hat – das wird in dieser Inszenierung offensichtlich, und zwar spätestens nach zehn Minuten, in der zweiten Szene. Wer den Text kennt, spürt sofort: Es geht in die falsche Richtung!

Es treten in dieser Szene (unter anderem) auf: Hamlet, seine Mutter Gertrude und Claudius, der frisch gebackene König von Dänemark, zugleich Gertrudes neuer Ehemann und Hamlets Onkel. Prinz Hamlet kann ihn nicht leiden. Ohne zu diesem Zeitpunkt zu wissen, dass sich Claudius nicht nur über die Heirat Gertrudes die Krone erschlichen, sondern auch den Vater – aus Claudius Perspektive: leiblichen Bruder – ermordet hat, verspürt Hamlet eine tiefe Abneigung gegen diesen König. Auch versteht Hamlet (der immer laute Christian Bergmann) seine Mutter (Svea Meiken Petersen) nicht, die – kaum dass der Vater unter der Erde lag – sich mit Claudius eingelassen hat. Tief verstört und getroffen weigert er sich, diesen Stiefvater als Vater anzunehmen und als König anzuerkennen. Es ist eine der bittersten und zugleich wichtigsten Szenen des gesamten Stücks – aus welcher sich sicherlich eine Menge ziehen lässt.

Witzig aber ist diese Szene nicht. Und sie wird auch dadurch nicht komischer, dass insbesondere Claudius (Peter Lüchinger) nahezu jeden seiner Sätze mit einer affektierten Gebärdensprache unterstützt (soll das eine Robert Wilson-Persiflage sein? Falls ja: Wo bleibt die Pointe?). Um Missverständnissen vorzubeugen: Natürlich kann man ein solch vielschichtiges Stück wie den „Hamlet“ unterschiedlich deuten. Die eine richtige Interpretation gibt es nicht. Wer aber den Text liest, wird im Normalfall zu dem Ergebnis gelangen, dass es sich tatsächlich – wie von Shakespeare deklariert – um ein „Trauerspiel“ handelt und nicht um eine Klamotte.

Den Beweis am Leibnizplatz liefern die Folgeszenen: Denn hier, so gewinnt man den Eindruck, versucht die Regisseurin zurück zu rudern. Auf einmal – wenigstens partiell – nimmt sie Shakespeares Figuren wieder ernst. Doch es ist bereits zu spät. Die Fallhöhe des Stücks ist verloren. Man nimmt der Inszenierung keine Ernsthaftigkeit mehr ab: Sie rauscht vorüber, ohne den Zuschauer jemals zu bewegen.

Umso weniger, als viel zu viel Schnickschnack auf der Bühne vom eigentlichen Geschehen ablenkt. Es geht schon damit los, dass die Figuren ständig mit Handkameras herum irren, um sich selbst zu filmen und die Produkte der Mühen an einen Gaze-Vorhang zu werfen. Das kennt man zur Genüge aus vielen Inszenierungen. Hier aber will sich einfach nicht erschließen, was das Ganze soll. Man ist versucht, zu sagen: Bei Shakespeare hatte Hamlet andere Sorgen. Auch gibt es den Geist des toten Vaters nicht einmal, sondern gleich viermal. In der Spielfassung der Company ist dieser Geist nahezu permanent auf der Bühne präsent, greift sogar in das Geschehen ein: Der Reiz seiner rätselhaften Erscheinung verpufft somit schnell. Teile seines Textes spricht das Ensemble im Quartett. Dagegen gäbe es nichts einzuwenden – sprächen die Schauspieler denn synchron. Derlei Szenen wirken schlampig geprobt. Dieser „Hamlet“ ist der Shakespeare Company vollkommen missraten.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Schlüsselzeuge Sondland bringt Trump in schwere Bedrängnis

Schlüsselzeuge Sondland bringt Trump in schwere Bedrängnis

Razzia gegen "Hawala-Banking"

Razzia gegen "Hawala-Banking"

Nienburg: Dach für Eisbahn steht schon 

Nienburg: Dach für Eisbahn steht schon 

Immer mehr Schweinepest-Fälle nahe deutscher Grenze

Immer mehr Schweinepest-Fälle nahe deutscher Grenze

Meistgelesene Artikel

Wahn und Wirklichkeit

Wahn und Wirklichkeit

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

Keine Sonne, keine Pinguine

Keine Sonne, keine Pinguine

Bremer Philharmoniker: Inspirierender Beitrag zur Geschichte der Sinfonie

Bremer Philharmoniker: Inspirierender Beitrag zur Geschichte der Sinfonie

Kommentare