Theater am Leibnizplatz zeigt Politdrama von David Hare

Die Qual mit der Wahl

Der Griff nach der Macht kann so schwer sein: Besonders, wenn man wie Pauline Gibson (Petra-Janina Schultz, im unteren Bild mit Michael Meyer und oben mit Uta Krause) so einige Altasten mit sich herum schleppt. Fotos: marianne Menke

Bremen - Von Mareike Bannasch. Soll sie’s machen? Oder lieber doch nicht? Soll sie hineinspringen ins Haifischbecken Politik? Dort, wo vor allem Männer etwas zu sagen haben. Wo jahrzehntelang gepflegte Seilschaften noch immer darüber entscheiden, wer die wichtigen Posten bekommt.

Sie, das ist in der neuen Produktion des Theaters am Leibnizplatz Pauline Gibson. Ärztin, Kämpferin für eine bessere Gesundheitsversorgung, Nationalheldin. Und vielleicht bald Parteichefin. Zumindest wenn es nach der Presse und einem Großteil ihrer Bewunderer geht. Dass sie gar kein Parteimitglied ist? Geschenkt. Spätestens seit Jan Böhmermanns Griff nach dem SPD-Vorsitz wissen wir, dass man für den Weg zur Macht nicht unbedingt ein Parteibuch besitzen muss. Zumindest nicht am Anfang.

In „Die Wahl. I’m not running“ geht es allerdings nicht um die SPD, wenigstens nicht dem Namen nach. Aber auch ohne eine konkrete Zuordnung lassen sich durchaus Parallelen zur aktuellen Lage der Großparteien erkennen. Von Mitgliederschwund und schlechten Umfragewerten gebeutelt, suchen sie nach dem Heiland. Nach dem einen Charismatiker, der die Menschen berühren kann – und respektive für den Wahlsieg sorgen wird. Der Partei muss er natürlich verbunden sein, am besten von Geburt an. Denn selbst in Zeiten wie diesen dürften nur wackere Parteisoldaten an die Spitze, auch wenn ihre Gesichter und Reden niemanden mehr begeistern.

So ist es auch in der deutschen Erstaufführung des Fünf-Personen-Stücks von David Hare aus dem Jahr 2018. Im Original geht es um die britische Labour-Partei, deren Probleme sich durchaus mit denen der deutschen Volksparteien vergleichen lassen. Unter der Regie von Oliver Stein hebt die Bremer Produktion den Kampf um Wählerstimmen und Integrität in insgesamt 16 kurze Szenen, die sich zwischen den Jahren 1996 und 2019 abspielen. Zwischen Bett und Tisch, Krankenzimmer und Parteizentrale (Bühne: Heike Neugebauer) kann das Publikum Pauline Gibson dabei beobachten, wie aus einem „Auf gar keinen Fall“ ein „Vielleicht“ und schließlich ein „Ja“ wird.

Wo genau wir uns in Paulines Leben gerade befinden, zeigt jeweils die auf einen schwarzen Vorhang projizierte Jahreszahl an. Gemeinsam mit einer kurzen Melodie arbeiten sich Ensemble und Publikum so Stück für Stück durch das Leben der jungen Frau. Oder zumindest die relevanten Phasen.

Jenen Moment zum Beispiel, in dem sie sich von ihrem Studienfreund trennt. Warum? Sie sagt, weil er sie zwar liebt, aber nicht mag. Er sagt, weil er ihr emotional zu nahe gekommen ist. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen. Eine Szene, die eine Randnotiz sein könnte – wäre jene Studentenliebe nicht Paulines schärfster Widersacher Mark Gould. Ein Mann, der alles richtig gemacht hat. Schon als Student ist er in die Jugendorganisation der Partei eingetreten, hat sich zielstrebig hochgearbeitet. Natürlich nicht ohne das nötige Klinkenputzen oder den Verlust der Integrität. Opfer, die er nur allzu gern in Kauf genommen hat, den Gewinn immer in Sichtweite: den Parteivorsitz. Zumindest bisher, denn nun ist sie wieder da. Pauline, die ihn einst abservierte und jetzt dabei ist, seinen Lebenstraum zunichtezumachen.

Michael Meyer gibt den Berufspolitiker mit einer kalten Berechnung, die einen gleichermaßen anwidert wie wütend macht. Er will an die Spitze, koste es, was es wolle. Von einer Frau lässt er sich sowieso nicht aufhalten. Man glaubt ohne Zweifel, einen Einblick in die Büros deutscher Parteigrößen zu bekommen, als er seiner Ex-Geliebten (die beiden gönnen sich Jahre später noch einmal ein kurzes Techtelmechtel) ohne mit der Wimper zu zucken verspricht, sie fertigzumachen.

Den Gegenpart zu dieser Gier nach Macht bildet eine überragende Petra-Janina Schultz in der Titelrolle. Ihre Pauline Gibson ist eine Getriebene, die von einer guten Sache zur nächsten hetzt. Egal, ob Beschneidung oder die Schließung lokaler Krankenhäuser: Sie setzt sich bis zur Selbstaufgabe ein, will den Menschen helfen. Und auch weglaufen. Vor ihrer Kindheit und Jugend mit abhängigen Eltern. In der mit Abstand stärksten Szene des Abends putzt eine noch studierende Pauline ihrer betrunkenen Mutter (Uta Krause als emotional schrecklich überzeugendes Wrack) hinterher. Ein aussichtsloser Kampf gegen Flaschen und Abhängigkeit, der vor allem vom Wunsch nach Liebe und Anerkennung geprägt ist – und schließlich in einer Abrechnung mit jahrelanger Zurückweisung endet, der so berührend ist, dass das Publikum nicht mit dem verdienten Szenenapplaus geizt.

An den Darstellern (zum Ensemble gehören außerdem noch Tim Lee und Sofie Alice Miller) liegt es also nicht, dass der Abend im Theater am Leibnizplatz leider einige Schwächen hat. Nachdem die Geschichte nur schwer in Fahrt kommt, ist es vor allem der Wust an Themen, der den Zuschauer mitunter leicht frustriert zurücklässt. Hier geht es nicht nur um männliche Machtdemonstrationen. Nein, auch um die Diskriminierung von Minderheiten, um Alkoholismus und seine Folgen, um Kindesvernachlässigung, um Ehebruch, um die öffentliche Gesundheitsversorgung. Ganz schön viele Themen, die jeweils nur kurz angerissen werden können, weshalb vieles nebulös bleibt. Auch, warum Pauline denn nun „Ja“ sagt.

Sehen

Die nächsten Vorstellungen sind am Samstag sowie am 20. und 27. Dezember, jeweils um 19.30 Uh.

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