Zum Schreien: Das Oldenburgische Staatstheater klont in „Der Schrei der Sonnenblume“ Edvard Munch und Vincent van Gogh

Puuuublikuuuuum!

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Ins Weltall ausgegossen: Munch in gesetztem Alter. ·

Von Johannes BruggaierOLDENBURG · Irgendwann gegen Ende der Show erfahren wir, wie es dazu kommen konnte: dass Edvard Munch und Vincent van Gogh leibhaftig begegnen – uns und einander.

Obwohl sie doch längst tot sind. Und sie sich zu Lebzeiten angeblich nie gesehen haben. Die Gentechnik hat hier mal wieder nachgeholfen und den sterblichen Überresten dieser Größten aller großen Maler zwei Klone abgerungen. Gegenübergestellt und präsentiert im Rahmen einer Fernsehshow, verantwortet von einem dubiosen Unternehmen namens „Singapur“.

Man hat schon viel aushalten müssen an diesem Abend, bis das Stück „Munch und van Gogh – der Schrei der Sonnenblume“ seine verworrenen Handlungsstränge und Zeitsprünge auf diese Weise erklärt. Hat zwei Damen (Cat Smits und Ulrike Quade) in dezent dunkler Kleidung und blendend weißem Kragen mit allerhand Puppen hantieren sehen, großen und kleinen, alten und jungen. Und hat dazu schaurige Stimmen vernommen, krächzende, kreischende, nölende.

Die Idee zu diesem Abend, heißt es im Programmheft, sei den Beteiligten beim Oldenburger Go West Festival 2012 gekommen. Die in der niederländischen Theaterszene beheimatete deutsche Puppenspielerin Ulrike Quade und der norwegische Regisseur Jo Stromgren hätten damals Mark Becker kennengelernt, Hausautor am Oldenburgischen Staatstheater. Und weil das so gut zusammenpasst, Puppenspiel, Regie und Text, überdies sich alle über den Reiz eines Treffens von Munch und van Gogh einig gewesen seien, musste dieses Stück wohl die zwingende Folge sein.

So quakt nun eine Witzfigur von Moderator als Puppenzwerg wirres Zeug über Sein und Zeit von der Bühne herab, von „ins Weltall ausgegossenen“ Energien und „inneren Schreien“. Woraufhin ein gleichfalls in Puppengestalt wiedergeborener Kunstsammler namens Gottlieb Hermann nicht zu Unrecht fragt, was denn „dieser esoterische Unsinn“ solle. Bald kommt dann auch der alte Munch um die Ecke, als Tattergreis am Rollator, mühsam ächzend und am Sinn seines Daseins zweifelnd. Ein rothaariger Spinner mit Vollbart lässt sich vom Moderatorenzwerg lange bitten, ehe er wirres Zeug blubbernd auf die Bühne tritt: „Ja, wo ist das Publikum? Wo ist es denn? Puuuublikuuuuum!“ Das ist van Gogh.

Nach einiger Zeit taucht zu allem Überfluss neben dem alten auch noch ein junger Edvard Munch auf, glücklich darüber, seinem niederländischen Malerkollegen endlich mal persönlich seine Wertschätzung bekunden zu dürfen. Dieser bedankt sich erst artig für das Lob, muss dann aber mit ansehen, wie der junge Geck aus Norwegen gleich mal seine hübsche Puppenspielerin abschlabbert, während van Gogh seiner eigenen Begleitung nicht mal ein kleines Küsschen abverlangen darf. Wegen zu schlechter Zähne, angeblich. „So, jetzt ist es aber genug!“, ruft der so schnöde abgewiesene Maler deshalb ärgerlich, und da möchte man ihm wahrhaftig nicht widersprechen.

Am Ende müssen die Künstlerklone sterben, damit der Sammler nicht sein Geld verliert. Denn was wäre wohl der ohnehin schon in vier Versionen erhältliche „Schrei“ noch wert, wenn sein geklonter Schöpfer mal eben noch weitere zwanzig Exemplare malte? Das Spannungsfeld von Kunst und Geld, von Sinn und Material: Für einen kurzen Moment blitzt auf, was einer Begegnung von Munch und van Gogh tatsächlich so etwas wie künstlerische Relevanz verliehen hätte. Schade eigentlich.

Kommende Vorstellungen: am 14. und 15. März, jeweils um 20 Uhr im Oldenburgischen Staatstheater, Kleines Haus.

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