Kaputte Psychen gibt es nur am Rande: „Macbeth“ in Oldenburg

Puppen, überall Puppen

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Lady Macbeth (Raffaella Angeletti ) hadert auf dem Puppenfriedhof mit der Kinderlosigkeit des Mörderpaares.

Oldenburg - Von Ute Schalz-Laurenze. „Die Schlafwandlerszene allein kostete mich drei Monate Einstudierungszeit: morgens und abends versuchte ich jene zu imitieren, die im Schlaf sprechen, Worte stammeln (wie Verdi es mir vorschrieb), fast ohne die Lippen zu bewegen, den Rest des Gesichts unbeweglich zu lassen, einschließlich der Augen. Es war zum Verrücktwerden!“ Das schrieb Marianna Barbieri-Nimis anlässlich der Uraufführung von „Macbeth“ von Giuseppe Verdi (1847). Wären solch langwierige Proben auch am Staatstheater Oldenburg möglich gewesen, vielleicht wäre das Ergebnis überzeugender geworden.

In Oldenburg, dem kleinsten Staatstheater Deutschlands, hatte jetzt die zweite Fassung von Verdis „Macbeth“ (1865) Premiere, wobei Neufassung eher irreführend ist: die Einfügung eines Ballettes, eines Duettes zwischen der Lady und Macbeth und ähnliches ändert nicht wirklich die Konzeption, auch nicht die Konzeption der Inszenierung und sind außerdem in heutigen Aufführungen Standard. Es gibt zunächst einmal an dieser Inszenierung von Nadja Loschky zu loben, dass sie vollkommen verständlich ist, dass sie keinerlei Ecken und Kanten bietet, bei denen man sich fragt: Was heißt das denn jetzt? 2015 mit dem Götz Friedrich-Preis ausgezeichnet, bietet sie fein ausgedachte, unaufdringliche Zeichen einer weiblichen Handschrift: die Lady strickt viel und weit reichen die Fäden, die sie zieht.

Loschky betont die Kinderlosigkeit des Mörderpaares, indem die Lady am Anfang hochschwanger ist und angesichts des Mordes an Duncan eine Fehlgeburt erleidet. Überall liegen gestrickte Puppen herum, die das Thema der Kinderlosigkeit immer präsent halten. Und sie stirbt nicht von allein wie bei Verdi, sondern Macbeth bringt sie um. Die Hexen kleben und leben am Symbol eines übergroßen Eies, das später zerbricht und aus dem die zukünftigen Könige kriechen. Die Hexen in Unterwäsche oder Nachthemden sind dieselben wie die Gäste der Festtafel anlässlich der Krönung und betonen so unterschwellige und übersinnliche weibliche Macht. Zusammen mit den Männern sind sie auch der Klagechor der schottischen Flüchtlinge: Dies wird in archaischer Größe an der Rampe gesungen. Überhaupt dieser Frauenchor: Alles individuelle Persönlichkeiten, die ihre Charaktere in unterschiedlichen wunderbar durchgehaltenen Körperhaltungen zeigen – eine große Leistung.

Was in der Inszenierung – die mit Ovationen bedacht wurde – leider fehlt, ist eine präzisere Durcharbeitung der kaputten Psychen, immer wieder fallen die Lady und auch Macbeth bei guten Ansätzen zurück in eine „Alltagshaltung“, die körperliche Spannung ihrer tödlichen gegenseitigen Abhängigkeit verläuft häufig in Beliebigkeit. Die Szenenwechsel sind oft zäh, die in den mit nur wenigen Requisiten ausgestatteten Bildern anfängliche Spannung verliert sich schnell (Bühne: Daniela Kerck). Vielleicht haben Proben gefehlt, denn auch im diffizilen Gesang wird die von Verdi so angemahnte realistische Musiksprache nur andeutungsweise erreicht. Der Gast Raffaella Angeletti als Lady singt schön, aber eben zu schön. Daniel Moon als Macbeth singt gut, mächtig und schön, lässt aber auch seelische Differenzierungen und Klangnuancierungen weitgehend vermissen. Überzeugend besetzt sind Banquo, Macduff und Malcolm (Ill-Hoon Choung, Emmanuel Mendes und Philipp Kapeller).

Das Orchester des Oldenburgischen Stattstheaters klingt unter dem neuen Generalmusikdirektor, dem Esten Hendrik Vestmann, ausgesprochen vielversprechend. Verdi verlangt eine Wucht und Grellheit der Orchesterfarben, die auf ein völlig neues Opernverständnis verweisen als die mehr oder weniger gemütliche Begleitung von Belcanto-Gesang. Einige heftige Wackligkeiten mit dem Chor werden sich noch ausgleichen lassen. Bei aller Problematik: eine tolle Leistung.

Die nächsten Aufführungen: 21. und 29. September, 2., 16., 21. und 28. Oktober, Oldenburgisches Staatstheater.

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