Berlin, Worpswede, Paris: Bremer Schau zeigt Werke von Modersohn-Becker

Pupillenlos im Sonnenlicht

Selbstbewusstsein auf Französisch: Paula Modersohn-Beckers „Selbstbildnis vor Fensterausblick auf Pariser Häuser“ (1900). ·
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Selbstbewusstsein auf Französisch: Paula Modersohn-Beckers „Selbstbildnis vor Fensterausblick auf Pariser Häuser“ (1900). ·

Bremen - Von Johannes BruggaierDer Wunsch liest sich so wunderbar natürlich und schlicht, dass er als Leitmotiv für jede berufliche Laufbahn gelten könnte, ja für jedes Leben an sich. Sie wolle aus sich etwas machen, „was das Sonnenlicht nicht zu scheuen braucht und selbst ein wenig strahlen soll“, so lautete der erklärte Wille der jungen Paula Becker im Jahr 1896. Nur: Sonnenlicht blieb bis dahin zunächst einmal Männern vorbehalten, Damen war künstlerische Tätigkeit allenfalls zum Zeitvertreib zwischendurch gestattet.

Auf einen Studienplatz in einer Kunstakademie brauchte Paula Becker deshalb nicht zu hoffen. Wollte sie wirklich die Grundlagen der Malerei und Zeichenkunst erlernen, musste sie schon nach Berlin fahren: zum „Verein für Künstlerinnen und Kunstfreundinnen“, 1867 gegründet mit dem Ziel, Frauen aus ihrer „fatalen Unselbstständigkeit“ zu befreien. Wenn Paula Becker auch bereits zuvor mit der Ästhetik des Worpsweder Künstlerkreises in Kontakt gekommen war, so markiert doch ihre Ausbildung in Berlin den Ausgangspunkt dieser einzigartigen Künstlerinnenkarriere.

Das Paula-Modersohn-Becker-Museum zeichnet diese Karriere nun im Spiegel ihrer drei wichtigsten Stationen nach. Dazu zählt neben Berlin und Worpswede auch Paris. Es ist eine Ausstellung geworden, die ihrerseits „ein wenig zu strahlen“ vermag, weil sie unter Einbeziehung zahlreicher Leihgaben bei kluger Konzentration auf figürliche Bilder Modersohn-Beckers ästhetische Entwicklung stringent und schlüssig erklärt.

Das fängt an mit einer erhellenden Auswahl früher Arbeiten aus der Berliner Ausbildungszeit. Studien wie das „Brustbild eines Mannes“ aus dem Jahr 1896, die Paulas erste Annäherung an Maltechniken unter Berücksichtigung von Licht und Schatten dokumentieren. Und direkt daneben Werke wie „Oberkörper einer alten Frau mit gefalteten Händen nach Links“ (1897/98), die deutlich von einer Schulung im Zeichnerischen zeugen: von dem Bestreben, mit Konturen Körperlichkeit zu erfassen.

Eindrucksvoll sind hierbei insbesondere Bilder aus der Endphase der zweijährigen Ausbildungszeit in Berlin, darunter ein „Stehender weiblicher Akt mit erhobenen Armen, rechts Rankenleiste“ (1898). Die zwar etwas grob skizzierte, aber durchaus geheimnisvolle Schöne erinnert in ihrer lasziv sakralen Haltung ein wenig an Edvard Munchs „Madonna“. Das ausgeprägte Interesse der Künstlerin für die neuesten Stilformen ihrer Zeit findet darin ohne Zweifel seinen Ausdruck.

Wie dieses Wirken auf Augenhöhe mit der Gegenwart bei Paula Becker mitunter auch geradezu proleptische Züge annehmen kann, zeigt sich erst in ihrer Worpsweder Zeit, wo sie unter dem Einfluss von Fritz Mackensen Porträts von frappierendem Realismus malte. So erscheint ihre „Sitzende alte Frau mit übereinander gelegten Händen im Schoß“ wie eine Vorausahnung der in den zwanziger Jahren aufkommenden Neuen Sachlichkeit. Und in düsteren Kinderporträts wie dem „Stehenden Mädchenakt“ (um 1899) offenbart sich ein Kindheitsverständnis, das in den Expressionismus weist: verstörte Seelen hinter mystischen Mienen, ein radikaler Gegenentwurf zu einem Kindheitsideal, das noch größtenteils von einer biedermeierlichen Auffassung der fröhlichen Unschuld geprägt war.

In späteren Werken, etwa bei „Elsbeth“ (um 1902) verschärft sich diese Tendenz zur Verunklarung. Ursache hierfür ist eine Reduktion der Mittel bei Darstellungen der Augenpartien, die fortan charakteristisch für Paula Modersohn-Beckers Porträtkunst werden sollte. Eine unverhoffte Entdeckung war dieser neuen Formgebung vorausgegangen: altägyptische Fresken mit ihren pupillenlosen Figuren, gesichtet auf einem ihrer Streifzüge durch Pariser Museen und Galerien.

Was in Berlin und Worpswede entstanden ist, so scheint es, brauchte das Sonnenlicht wahrhaftig nicht zu scheuen. Das ersehnte Strahlen aus eigener Kraft aber sollte sich erst unter dem Eindruck der drei Aufenthalte in der französischen Hauptstadt einstellen. In der Auseinandersetzung mit Werken von Rodin und Cézanne, aber auch mit kunsthistorischen Exponaten des Louvre erlangt Modersohn-Becker ihren individuellen Stil und damit zugleich künstlerische Autonomie. Mit Paris entdeckt sie die Möglichkeiten des Reliefs und infolge dessen die Nutzung von Farbe als Material. Das viel zitierte „Vibrieren der Dinge“: Hier findet es seinen Ursprung.

Wie sehr sie selbst sich dieser Entwicklung bewusst ist, bringt sie in keinem anderen Werk so anschaulich zur Geltung wie ihrem „Selbstbildnis vor Fensterausblick auf Pariser Häuser“ (1900). Dieselbe Künstlerin, deren Werke noch vor einem Jahr in Bremen gnadenlos verrissen wurden, blickt nun hoch erhobenen Hauptes zu ihrem Publikum herab: aus ebendiesen magisch pupillenlosen Augen, die ihre Porträts von nun an so signifikant prägen.

Sehenswert ist diese Schau nicht allein wegen einer attraktiven Auswahl der Exponate sowie der raffinierten Dramaturgie ihrer Hängung. Der Reiz der am Dreigestirn Berlin, Worspwede, Paris aufgezeigten wechselseitigen Bedingung von Kunst und Leben, besteht vor allem in der Erkenntnis eines schier unbegreiflichen Unterfangens: einen Menschen nicht nur zu zeigen. Sondern ihn zu malen.

Bis 6. Juli im Paula-Modersohn-Becker-Museum, Böttcherstraße 6, Bremen. Öffnungszeiten: Di. bis So. 11-18 Uhr.

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