„Damaged Goods“ erzählt über 40 Jahre Punk-Geschichte

Punk für Fortgeschrittene

Köln - Von Rolf Stein. Das Schöne am Punk-Jubiläum ist, dass man es eine ganze Weile lang feiern kann. Weil niemand mit Bestimmtheit sagen kann, wann er über die Welt kam. War es im Frühjahr 1976, als die Ramones ihr ikonisches Debüt veröffentlichten? War es etwas später im gleichen Jahr, so im November, als die Sex Pistols „Anarchy In The U.K.“ ausriefen?

Oder vielleicht im Grunde deutlich früher, zum Beispiel 1972, als Lenny Kaye, Gitarrist von Patti Smith, das Wort dem Vernehmen nach erstmals benutzte? Wikipedia ist übrigens zu entnehmen, dass das Wort „punk“ sogar noch viel ehrwürdiger ist. Schon Shakespeare habe es benutzt – für eine Prostituierte, in seinem Stück „Maß für Maß“. Was einiges sagt über den Begriff, aber noch nicht viel über das kulturgeschichtliche Phänomen Punk.

Festzuhalten und einigermaßen unbestritten ist, dass die Punk-Explosion gleichsam in Zeitlupe verlief. Die Erschütterungen bereiteten sich spätestens seit den mittleren 60er-Jahren allmählich aus, dass die Stooges, MC5, die New York Dolls und noch ein paar andere als Katalysatoren fungierten, darf heute als Allgemeinweissen gelten.

„Damaged Goods – 150 Einträge in die Punk-Geschichte“, herausgegeben von Jonas Engelmann und erschienen im Ventil-Verlag, legt in diesem Sinne den Anfangspunkt auf das Jahr 1966. Damals brachten die Monks ihr Album „Black Monk Time“ heraus. Auch so ein legendäres Ding, das zu seiner Zeit keineswegs die Wertschätzung erfuhr, die es später genoss. Velvet Underground, The Fugs, Ton Steine Scherben und noch einige weitere füttern die Genesis aus, bevor es dann mit Blondie und den Ramones, allzeit streng chronologisch, durch die nächsten 40 Jahre geht. Allerdings sind darunter auch einige Einträge, die zumindest oberflächliche Betrachter nicht vermuten würden. The Notwist – eine Punkband? Die Beastie Boys? Attwenger? Kommt eben drauf an, wie man es nimmt. Natürlich haben die Genannten mit Punk-Rock ebenso viel zu tun wie Suicide, Chumbawamba, Codeine oder die Moldy Peaches. Also eine ganze Menge. Weniger eines etwaigen Drei-Akkord-Dilletantismus, sondern einer Haltung wegen, die sich vor allem negativ beschreiben lässt. Gegen Rock- und andere Götter, gegen Kapitalismus und Faschismus, gegen Sexismus und Fleischverzehr, gegen Eindeutigkeiten und Authentizität sowie einiges mehr, meist nicht immer auf einmal, oft multipel kodiert. Und auch die Pop-Peripherie wird ausgeleuchtet: Sibirischer Hardcore findet sich ebenso wie die jugoslawische Szene, schwuler Cow-Punk aus Texas und die Krachkunst von Masonna. Auch die Ärzte kommen übrigens vor – und mit Pisse die beste Punk-Band unserer Zeit.

So bunt wie die widerborstigen Ästhetiken ihrer Gegenstände, sind auch die Autoren und ihre Zugänge und Schreibweisen. Vom sehr persönlichen Ansatz bis hin zu diskursiven Texten, vom historischen Aufriss bis zum Jugendzimmer-Erlebnis schreiben Autoren wie Pop-Professor Diedrich Diederichsen, der britische Kulturjournalist und Publizist Simon Reynolds, Buchpreisträger Frank Witzel, der Verleger Jörg Sundermeier, der Musiker und Autor Thomas Meinecke, Fanzine-Urgestein Moses Arndt, „taz“-Feuilleton-Redakteur Julian Weber oder die „Freitag“-Redakteurin Christine Käppeler.

Damit bildet der Band zugleich ab, wie schillernd auch das Nachdenken über Punk seit jeher ist. Und nicht zuletzt bietet „Damaged Goods“ auch Fortgeschrittenen noch neue Anregungen für den nächsten Besuch im Plattenladen.

Jonas Engelmann (Hsg.): „Damaged Goods. 150 Einträge in die Punk-Geschichte“, 20 Euro, Ventil Verlag.

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