Schweriner Streifzug durch die „Niederländische Savanne“

Pulsierende Körper

+
„Brustbild eines Mannes mit dunkelblondem Haar“ heißt dieses Porträt des niederländischen Meisters Frans Hals. Rechts: Ute Heuers „Farbfeld Frans Hals“. ·

Von Wilfried DürkoopSCHWERIN · Im Schweriner Museum bietet die Ausstellung „Die niederländische Savanne“ eine Gegenüberstellung alter niederländischer Meister und ungegenständlicher Farbfeldmalerei der jüngeren Künstlergeneration.

Zwischen den hohen gusseisernen Säulen des großen Wechselausstellungsraumes sind etwa 70 wunderbare Bilder zu sehen. Etliche stammen von zehn zeitgenössischen, eher der Farbfeldmalerei verpflichteten Künstlern, die aus dem umfangreichen Fundus altniederländischer und flämischer Malerei des Museums zehn Gemälde auswählten, in denen sie Ähnlichkeiten oder Gegensätzliches mit ihren Bildschöpfungen entdeckten.

So sind die in Rot, Orange oder Gelb wie selbstleuchtenden Acrylglas-Kästen und -Scheiben der Kölner Künstlerin Regine Schumann dem realen Leuchten der Blumen und Girlanden eines Blumenstilllebens von Rachel Ruysch, die auch in den 1710er Jahren als Hofmalerin beim Kurfürsten in Düsseldorf wirkte, durchaus verwandt. Andreas Barth, der in Grevesmühlen als Lehrer arbeitet, meint „Farbe ist mir selbst Thema genug“. Er ist ein Meister fein austarierter Farbfelder in der Tradition Piet Mondrians. Seine Tableaus finden ihre Entsprechung in einem Stillleben Willem van Aelst‘. Auch bei ihm werden Gegensätze akzentuiert wie matt und glänzend, reflektierend und absorbierend oder hell und dunkel.

Die an der Fachhochschule Hannover lehrende Malerin Ute Heuer untersucht, wie Farben sich auf der Leinwand mischen und besondere Farbreliefs hervorbringen. Ihr Pendant ist das Brustbild eines jungen Mannes von Frans Hals. Bei ihm findet sie, wie das Schwarz alle Farbigkeit komprimiert – besonders in der strukturiert gemalten Halskrause als Gegengewicht zum fein gemalten Gesicht.

Die pulsierenden Farbraumkörper – „Kissenbilder“ – des Altmeisters Gotthard Graubner erscheinen wie malerische Manifestationen des „Unendlichen“, dem sich der Betrachter des Bildes gegenüber sieht, das ihn umfängt und in das er meditierend eindringt. Die Bilder sind abstrakt und sinnlich zugleich. Auch bei Jan Lievens, der zeitweise eine Ateliergemeinschaft mit Rembrandt unterhielt, ist bei einem Porträt eines alten Mannes die Unbestimmtheit der Farbe durchaus vergleichbar mit der bei Graubner – malerisch frei und doch präzise.

Der ungewöhnlich wirkende Ausstellungstitel „Die niederländische Savanne“ geht auf einen Vortrag des hervorragenden Zeichners und Schöpfers radikaler Kompositionen Frank Stella zurück, den er 1984 in Havard hielt. Er bezog sich auf ein Bild des Tier- und Landschaftsmalers Paulus Potter und würdigte den die Fläche betonenden Bildaufbau. Die Neuerungen, die die niederländische Malerei hervorgebrachte, sind für Stella eine wichtige Voraussetzung, die zur Entwicklung der Farbfeldmalerei führten. Und er zeichnete im Sinne einer spekulativen Kunstgeschichte einen Weg von der Tradition bis in die 1960er Jahre. Auch Stella wusste, dass es damaligen Malern nicht um topographische Genauigkeit ging, sondern um gut gemalte und gut komponierte Bilder. Die kunsthistorisch anspruchsvolle Schweriner Ausstellung bietet außergewöhnliches Anschauungsmaterial für die These des strengen Logikers Frank Stella.

Staatliches Museum Schwerin, Schwerin. Bis 5. Februar 2012. Der Katalog kostet im Museum 23,90 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Deutschland etwas besser, aber "mäßig" im Klima-Ranking

Deutschland etwas besser, aber "mäßig" im Klima-Ranking

Fotostrecke: Krise mal Krise sein lassen - Werder feiert Weihnachten

Fotostrecke: Krise mal Krise sein lassen - Werder feiert Weihnachten

Paris-Gipfel: Friedensprozess für Ostukraine wiederbelebt

Paris-Gipfel: Friedensprozess für Ostukraine wiederbelebt

Aung San Suu Kyi verfolgt Völkermord-Klage gegen Myanmar

Aung San Suu Kyi verfolgt Völkermord-Klage gegen Myanmar

Meistgelesene Artikel

Mehr Metal für Bremen: Hellseatic-Festival kommt 2020 an die Weser

Mehr Metal für Bremen: Hellseatic-Festival kommt 2020 an die Weser

Deutliche Worte

Deutliche Worte

Einmal Virtualität und zurück

Einmal Virtualität und zurück

Viel mehr als nur Realität

Viel mehr als nur Realität

Kommentare