„Pünktchen und Anton“: Theater Bremen knüpft ein Freundschaftsband aus arm und reich

Kinder haften für ihre Eltern

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Auch wenn sich die Erwachsenen wie hier Lehrer Bremser (Alexander Swoboda) auf den Kopf stellen: Pünktchen (Lisa Guth) findet immer die besseren Argumente.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Als der Diebstahl aufgeklärt, der Täter geständig und das entwendete Feuerzeug wieder im Besitz der reichen Frau Pogge ist, wird eine Entschuldigung fällig: von der Bestohlenen – nicht vom Dieb. Ein solcher, lässt sich nämlich Frau Pogge (Irene Kleinschmidt) von ihrer vorlauten Tochter Pünktchen (Lisa Guth) erklären, sei der Anton gar nicht. Das Feuerzeug habe er ja bloß mitgehen lassen, weil er arm und seine Mutter krank sei. Ach so.

Man weiß als verantwortungsvoller Familienvater nicht recht, was man davon halten soll, wenn die so Gescholtene kleinlaut bekennt, in ihrer Verärgerung über den Vorgang die sozialen Lebensumstände des Täters nicht ausreichend gewürdigt zu haben. Wenn sie sich kurz darauf gar eine Schürze anlegt, um bei der kranken Mutter des kleinen Schurken im Imbiss auszuhelfen. Zur Wiedergutmachung. Wo sie es doch war, die sich hat beklauen lassen.

Nun gehört es zu den vorzüglichen Eigenschaften des Theaters, gewohnte Ansichten infrage und gerne auch mal vollends auf den Kopf zu stellen. Dass Diebstahl nicht in Ordnung ist, weiß wohl ohnehin jedes Kind. Dass aber der Bestohlene sich gleichwohl in Nachsicht und Barmherzigkeit üben soll, vielleicht nicht. Und doch: Die Nummer mit dem Feuerzeug, einst von Filmregisseurin Carline Link zu Erich Kästners Roman hinzugedichtet, erweist sich als Pferdefuß dieser „Pünktchen und Anton“-Produktion am Theater Bremen.

Es geht in dem Kinderbuchklassiker bekanntlich um die Freundschaft zweier Kinder aus ungleichen Verhältnissen. Der arme Anton ist reich an mütterlicher Liebe, das reiche Pünktchen dagegen arm an ebensolcher. Zusammen sind sie ein unschlagbares Paar, das sich gemeinsam gegen Mobbingangriffe zur Wehr setzt, Lehrer vom Schreiben blauer Briefe abhält und schließlich sogar einen Einbrecher überführt (nicht Anton selbst, wohlgemerkt). Am Ende erringt Anton die materielle Sicherheit für seine Mutter und Pünktchen die so lange vermisste Zuwendung ihrer Eltern. Mut, Pflichtbewusstsein und Ehrlichkeit: Das sind die Richtwerte, nach denen bei Kästner diese Kinder ihre eigenen Eltern erziehen.

Mut und Pflichtbewusstsein sind auch in Nina Mattenklotz‘ Bremer Inszenierung zu finden. Anton (Justus Ritter), dieser brav frisierte Junge mit weißem Kragen, schuftet fleißig in der bühnenmittig platzierten Imbissbude (Bühne: Johanna Pfau). Und wenn es abends in derselben auch zu Bett geht, quält er sich anstandslos in seine enge Koje, direkt über der Liege der kranken Mama (Iris Minich).

Blickt man dagegen in den Palast der Pogges, so erstreckt sich die Herrlichkeit über die ganze Bühnenbreite: links von der Essgruppe bis rechts in Pünktchens Kinderzimmer, dazwischen eilt ein eigens beschäftigter Hauslehrer (Simon Zigah) umher. Die Eltern sind schwer beschäftigt, Papa (Alexander Swoboda) studiert seine Rede für die nächste Aktionärsversammlung ein, Mama eröffnet gerade im fernen Afrika neue Filialen des Unternehmens. „Die Kinder hier haben es nicht so gut wie du zuhause, weißt du?“, lautet ihr tägliches Sprüchlein auf dem heimischen Anrufbeantworter. Und die, der dieses Sprüchlein gilt, die rundum versorgte und doch alleingelassene Luise – genannt Pünktchen – Pogge, übt sich tapfer in Selbständigkeit. Pippi Langstrumpf gleich springt sie in knallbunter Montur durch die Gassen, bettelt mit frechen Sprüchen um jene Aufmerksamkeit, die ihr zuhause verwehrt bleibt, und blafft mit dem Selbstbewusstsein eines Kindes, das noch nie etwas zu verlieren hatte, den Erwachsenen ihre Meinung ins Gesicht.

Das alles wirkt zwar ziemlich episch und gerade für kleine Kinder nicht immer ganz leicht (was wissen Sechsjährige schon von Bonuszahlungen und Sozialämtern?). Und doch lässt sich leicht erfassen, dass ein mutiges Eintreten für die Freundschaft im Leben eher weiterhilft als ein noch so schickes Fahrrad, und dass auf Gerechtigkeit nur hoffen kann, wer für sie zu kämpfen bereit ist.

Lisa Guth vermittelt diese schlichten, aber deshalb ja keineswegs banalen Einsichten als wunderbar rotziges und zugleich sensibles Pünktchen auf ganz und gar undidaktische Weise. Justus Ritter gibt als von der Last seiner familiären Verantwortung bedrückter Anton einen überzeugenden Gegenpart und Mitspieler.

Bleibt also die Sache mit der Ehrlichkeit. Die Rollenzuschreibung der bösen Reichen und guten Armen erscheint allzu pauschal. Wenn schon Diebstahl, so würde man sich einen differenzierteren Blick auf dieses Thema wünschen. Noch besser aber wäre wohl, bei Kästner nachzuschlagen statt bei Link: Er war nicht der schlechteste Autor.

Kommende Vorstellungen: am 22. November um 11 Uhr und um 15 Uhr, am 13. Dezember um 16 Uhr sowie am 16. Dezember um 18 Uhr am Theater Bremen.

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