Mit Brittens „Peter Grimes“ gelingt der neuen Intendanz in Bremerhaven ein glänzender Einstand

Mit psychologischem Tiefgang

Miriam Gordon-Stewart gibt die Ellen Orford very british.

Von Wolfgang DenkerBREMERHAVEN (Eig. Ber.) · Die düstere Geschichte um den kontaktarmen Sonderling Grimes, dessen dunkle, seelische Abgründe ihm selbst und erst recht der Gemeinschaft des kleinen englischen Fischerdorfs verschlossen bleiben, hat Regisseurin Petra Luisa Meyer zu einem spannenden, ungemein intensiven Opernabend mit psychologischem Tiefgang geformt.

Die Gerichtsszene zu Anfang, bei der die Todesumstände von Grimes’ Schiffsjungen geklärt werden sollen (Missbrauch, Mord oder Unfall?), kommt zunächst wie eine konzertante Aufführung daher. Doch dann werden vom Schnürboden Kostüme herabgelassen und das Spiel entwickelt, eng verzahnt mit der aufwühlenden, dramatischen Musik, eine faszinierende, geradezu berstende Intensität.

Das Bühnenbild von Okarina Peter und Timo Dentler zeigt keine Fischerdorf-Idylle, sondern arbeitet weitgehend mit stilisierten Räumen und ausgezeichneten Lichteffekten, die eher Stimmungen und Seelenzustände und weniger reale Schauplätze markieren, wenn man von dem Wirtshaus absieht, das hier zum Bordell mutiert. Aber auch dieses wurde von den Meeresgewalten heimgesucht und überschwemmt, sodass sich die Gäste in Wasserpfützen (sehr handfest!) vergnügen müssen. Ansonsten wird mit einem tiefblau schimmernden, durchsichtigen Plastikvorhang gearbeitet, hinter dem sich Ölfässer stapeln und dessen Lichtbrechungen die machtvolle Nähe des Meeres suggerieren.

Auch die spukhafte Erscheinung von toten, ballspielenden Schiffsjungen, ist von elementarer Wirkung. Wenn Grimes im 3. Akt vor den Fässern mit der Leiche des zweiten Schiffsjungen einsam und verzweifelt auf dem von Wasser bedeckten Boden sitzt, wird er zur hilflosen Kreatur, der Wozzek-Figur nicht unähnlich.

Die musikalische Umsetzung war erstrangig und, was Chor und Orchester angeht, geradezu überwältigend. Die machtvollen „Grimes! Grimes!“-Rufe des von Ilia Bilenko bestens einstudierten Chors gingen unter die Haut und erzielten spontanen Zwischenbeifall.

Das Orchester brillierte nicht nur in den sechs Zwischenspielen, die mit ihrer Schilderung der Natur und gleichermaßen der Seelenzustände eine zentrale Bedeutung haben. Stephan Tetzlaff und das Städtische Orchester zeigten sich mit scharfen Klängen, mit schneidenden Trompetensätzen und, vor allem in der Sturmszene, urgewaltigen Klangeruptionen in Bestform.

In der Titelpartie irritierte Paul McNamara zunächst mit etwas sprödem, im Falsett unsicherem Tenor. Aber das war schnell überwunden; McNamara fand dann zu einer Form, mit der er die Einsamkeit und Verschlossenheit, auch die latente Brutalität, stimmlich und darstellerisch überzeugend verdeutlichte.

Miriam Gordon-Stewart gab die Ellen Oxford sehr „britisch“, aber nicht als scheues Mauerblümchen, sondern als durchaus attraktive, selbstbewusste Frau. Mit ihrem kraftvollen, in der Höhe aufblühenden Sopran hatte sie keine Mühe, den Orchesterfluten zu trotzen. Als Balstrode stellte sich Werner Kraus vor, der seinen sehr virilen, dunkel timbrierten Bariton zunächst etwas ungeschlacht einsetzte, diesen Eindruck aber im Verlauf mit feineren Zwischentönen korrigierte.

Hervorragende Leistungen auch von Zdravka Ambric als Puffmutter Aunti und von Ann Juliette Schindewolf als herrlich komisch-verschrobene Witwe Sedley.

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