Julia Engelmann und die Leiden der Zwanziger

Mimimi

Bremen - Von Mareike Bannasch. Gerade einmal zwei Jahre ist es her, als ein knapp sechsminütiges YouTube-Filmchen sämtliche Kanäle der sozialen Medien verstopfte. Es stammt vom Poetry-Slam der Universität Bielefeld, genauer gesagt zeigt es den Beitrag der Psychologie-Studentin Julia Engelmann, die sich an der Mutlosigkeit und Lethargie der Anfang Zwanzigjährigen abarbeitet.

Ein Thema, mit dem die in Bremen geborene Frau einen derartigen Hype auslöste, dass man wochenlang nicht an Auszügen aus ihrem poetischen Machwerk vorbeikam. Vor allem der furchtbar pathetische Refrain hatte es vielen ach so verlorenen Seelen angetan: „Eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein, und all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.“

Heute, zwei Werke auf der Bestsellerliste später, veröffentlicht die mittlerweile 24-Jährige ihr drittes Buch „Jetzt, Baby“, eine 115 Seiten starke Sammlung aus mehr oder weniger kurzen poetischen Texten, die nur einen Schluss zulassen: Engelmann ist noch immer damit beschäftigt, möglichst kitschig dem Selbstmitleid ihrer Generation nachzuspüren. Leider.

Zwar haben die Texte durchaus ihre starken Momente, tragen immer wieder fein eingearbeitete Referenzen an Filme wie „Notting Hill“, Goethes „Erlkönig“ oder „Pippi Langstrumpf“ in sich – nur um wenige Zeilen später in Belanglosigkeiten abzurutschen, die selbst für ein Poesiealbum zu banal wären. So auch in einem der längeren Stücke namens „Erwachsensein feat. Quarterlife-Crisis“. Hier schildert Engelmann die Ängste der Mittzwanziger, die spätestens beim ersten Klassentreffen glauben, dass ihr Lebensmodell dem Urteil der Außenwelt nicht standhalten kann. 

In einer Art Schockstarre verharrend, wartet das lyrische Ich auf diesen einen magischen Moment, der aus ihm quasi per Fingerschnippen einen Wohnungsbesitzer mit Partner und Konto, kurz einen Erwachsenen macht. Oder, das, was man gemeinhin dafür hält. Ohne eine Idee, das Ruder herumzureißen oder zumindest das Verständnis, dass Kinder und Hypothek nicht unbedingt für jeden das Richtige sind, tut sich das Ich so richtig leid. Solch ein Leben – indem sich nur die Frisur ändert und man selbst zum Tindern zu verkrampft ist – ist natürlich schlimm. Was für ein Glück ist es da, dass der Leser nicht lange blättern muss, um Trost zu finden. Natürlich kleidet sich dieser in eine gehörige Portion Schmalz, wenn es heißt: „Aber das macht nichts. Weil Leben keine gerade Linie ist und auch nie so gedacht war.“ Aha.

Austauschbare und platte Worthülsen als Antwort auf ein ständiges Gefühl des Scheiterns und den fast unerträglichen gesellschaftlichen Druck: Ein Eindruck, der sich durch das gesamte Buch zieht und sein reichlich ruhmloses Ende im Outro findet: „Nur diesen Gedanken will ich dir noch hinterlassen: Bleibst du bei dir selber, dann passieren die besten Sachen. Lass dich überraschen, all die Wunder werden groß. Das hier ist kein Ende, es geht gerade erst richtig los.“

„Jetzt, Baby“, das ist – und da hat der Klappentext ausnahmsweise einmal recht – wie ein bunter Konfettiregen. Für den Moment vielleicht hübsch anzusehen, aber eben auch ohne jede Substanz.

Julia Engelmann: „Jetzt, Baby“, erschienen im Goldmann-Verlag, 7 Euro. 

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