„Protestsong“: Monodrama von Tim Price in Oldenburger Exerzierhalle

Hoffnung versaut das Leben

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„Eeey, verpisst euch!“: Danny (Klaas Schramm) wird mit „Occupy“ lange nicht warm.

Oldenburg - Von Johannes Bruggaier. Eben am Bahnhof ist man dem aufdringlichen Obdachlosen noch wie so oft im großen Bogen aus dem Weg gegangen. Doch kaum sitzt man im Theater, ist er plötzlich wieder da: schiebt sich mit fettigem Haar und kurzen Hosen pöbelnd durch die Zuschaurreihen, bettelt um Geld, belästigt junge Frauen.

Und diesmal gibt es kein Entrinnen, kein Wegschauen und kein Weghören. Wobei das Letztere besonders wehtut angesichts einer enthemmten Vulgärsprache: Wer nichts mehr zu verlieren hat, der kann eben auch die Sau rauslassen.

„Protestsong“ heißt das Monodrama, in dem der britische Autor Tim Price seine Erfahrungen als Teilnehmer der „Occupy“-Bewegung 2011 verarbeitet hat. Es spielt unter der Regie von Felicitas Braun in der Oldenburger Exerzierhalle, eigentlich aber auf den Stufen zur St. Pauls Kathedrale in London und damit zugleich im Zuhause des Landstreichers Danny (Klaas Schramm). Denn lange bevor die „Occupy“-Aktivisten damals vor St. Pauls ihre Zelte aufgeschlagen hatten war der Platz bereits von Obdachlosen und Prostituierten besetzt. Dass von diesen nicht jeder über den unerwarteten Zuwachs an Campern begeistert war, lässt sich aus Dannys Rückblick erahnen. „Eeey! Verpisst euch!“, brüllt er hinter das mit Transparenten behangene Bühnengestell (Bühne: Thilo Zürn). „Das is‘ hier ‘ne scheiß Kirche, okay? Schiebt euch eure Trommeln in den Arsch!“ Politik, Bankenkrise, Kapitalismuskritik: Was geht ihn das an?

Doch dann stampfen diese Kapitalismuskritiker in zwei Tagen eine Küche aus dem Boden mit Herd, Geschirr und allem drum und dran. Jeder ist eingeladen mitzuhelfen und mitzuessen, auch der Obdachlose. Der begreift schon bald sein Glück, haut sich den Bauch mit Suppe voll und genießt die Bestätigung für geleistete Küchenarbeit. Und als wegen eines Friedensangebots des Londoner Bürgermeisters die wunderbare Lagergemeinschaft abzuziehen droht, wird er plötzlich sogar politisch: „Nein, nein, nein. Wir müssen das ablehnen! Es geht hier doch um Protest, nich‘ um so ‘ne scheiß Zeltfreizeit!“ Danny, der politische Aktivist ruft Parolen und malt Transparente, hüpft grölend mit erhobenen Fäusten über die Bühne und beschimpft die Regierung – alles nur, damit sie bloß nicht endet, die schöne Zeit mit den Leuten von „Occupy“.

Politik fängt für den Bürger eben immer erst dort an, wo er seinen eigenen Wohlstand bedroht sieht, das gilt für Reiche wie für Arme. Und nicht zwangsläufig sind es böse Banker, die diesen Wohlstand bedrohen. Als Dannys Saufkumpane aus der Obdachlosenszene zu Besuch kommen, sich aber leider nicht recht benehmen können, muss er sie höflich hinauskomplimentieren. Der Obdachlose erteilt Obdachlosen ein Platzverbot: So kann es kommen, wenn man sich an einen kleinen gesellschaftlichen Aufstieg gewöhnt. Dass ausgerechnet die „Occupy“-Gemeinschaft ihr schwächstes Glied zu einer so lupenrein kapitalistischen Handlung zwingt, darin besteht der Clou dieses Stücks.

Ob das auch bei einer weniger kraftvollen Interpretation funktionieren würde? Was die Oldenburger Produktion betrifft, so ist diese Frage müßig, Schramm gibt den Danny wunderbar enthemmt, reizt die Grenzen der Zumutbarket voll aus, ohne sie je wirklich zu überschreiten.

Dass seine Figur schließlich in ihre eigenen Grenzen zurückgedrängt würde, ist früh absehbar. Auch bei „Occupy“ gibt es Grenzen der Toleranz. Und wer aus der Kasse stiehlt, um seine verstoßenen Freunde aus der Obdachlosenszene mit einer Flasche Wodka zu trösten, findet sich bald selbst auf den kalten Treppenstufen wieder: Nur so kann eine Gesellschaft funktionieren, Kapitalismuskritik hin oder her. „Occupy“, so lautert Dannys folgerichtige Bilanz, habe sein Leben versaut: „Weil es mir Hoffnung gegeben hat.“

Kommende Vorstellungen: heute sowie am 28. November und 6. Dezember, jeweils um 20 Uhr in der Exerzierhalle Oldenburg.

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