Weserburg zeigt weltweit erste Überblicksausstellung zum Schaffen von Andrea Bowers

Protest von seiner schönsten Seite

Es ist nicht alles schwarz und weiß: Mit „Trust Women“ setzt Andrea Bowers ein kunterbuntes Statement zur „MeToo“-Debatte. Fotos: tobias hügel

Bremen - Von Mareike Bannasch. Der nächste große Name, der über Vorwürfe im Rahmen der „MeToo“-Bewegung stürzt: Nachdem ihm bis dato 20 Frauen sexuelle Übergriffe vorwerfen, schlossen sich für Plácido Domingo gestern die Türen zur New Yorker Metropolitan Opera. Und zwar für immer. Obwohl der Opernstar bis heute jegliche Vorwürfe gegen ihn bestreitet und in einer Pressemitteilung eine Vorverurteilung beklagt, war der öffentliche Druck auf das Opernhaus am Ende zu groß. Ein Urteil ohne Prozess – in der oftmals höchst emotional geführten „MeToo“-Debatte fast schon Normalität.

Seit etwa zwei Jahren beschäftigt sich auch die amerikanische Künstlerin Andrea Bowers mit der Bewegung, die Bremer Weserburg gibt ab Samstag zum ersten Mal weltweit einen Überblick über einen großen Teil ihrer Arbeiten. Es ist übrigens die erste Einzelausstellung der neuen Direktorin Janneke de Vries. Nach „So wie wir sind 1.0“ ein weiterer äußerst sehenswerter Verweis darauf, wohin sich das Museum für moderne Kunst in Zukunft bewegen will. Gezeigt werden exemplarische Hauptwerke aus den vergangenen 15 Jahren, die auf nachdrückliche und eindrucksvolle Weise deutlich machen, warum Bowers zu den wichtigsten politisch-feministischen künstlerischen Positionen der Gegenwart zählt.

Sichtbar ist dies zum Beispiel in „Trust Women“ aus dem Jahr 2018. Eine Leuchtschrift, die wie eine Art Überschrift zur Bremer Schau wirkt – und mit großen Buchstaben Bowers Statement zur Debatte um Machtmissbrauch und Übergriffe zusammenfasst. So kommt der Begriff Women in unschuldigem Weiß daher – eine durchaus ironische Kommentierung der Unschuldsvermutung, die für jede Anklägerin in der „MeToo“-Debatte zu gelten scheint. Nachdem man ihnen jahrelang nicht geglaubt hat, traut sich jetzt keiner mehr, nach den genauen Umständen mancher Übergriffe zu fragen, ob die Betroffenen wirklich so unschuldig sind und warum sie erst nach Jahrzehnten an die Öffentlichkeit gehen. Solch eine einseitige Debatte verändert natürlich auch unseren Umgang mit dem Begriff Vertrauen nachhaltig – bei Bowers nicht unbedingt zum Guten. Zumindest könnte dies der zweite Teil der Leuchtschrift nahelegen. Hier wechselt das Wort „trust“ in vielen bunten Farben, flackert auf – und ist mehr Frage- als Ausrufezeichen. Denn bei all ihrer Berechtigung: Die „MeToo“-Debatte könnte manches Mal durchaus weniger Hysterie vertragen.

Andrea Bowers geht aber nicht nur auf den Protest gegen ungleiche Machtverhältnisse im Verhältnis von Mann und Frau oder die Waffengewalt in ihrer Heimat ein, in der Weserburg widmet sie sich auch der Klimadebatte.

In einem eigenen Raum finden sich Arbeiten der vergangenen zehn Jahre zum Kampf für mehr Klimaschutz – und ein Werk, das die Künstlerin seit Samstag für das Museum auf dem Teerhof anfertigt. In der monumentalen Wandzeichnung „Peoples’ Initiative Poetic Protest“ befasst sie sich mit den Protesten gegen die Abholzung von 136 Platanen am Ufer der kleinen Weser, also direkt vor der Haustür der Weserburg. Die Bäumen sollen dem Hochwasserschutz weichen, die lauten Demonstrationen gegen diese Aktion zeigen sich auch anhand von Gedichten, die von der Öffentlichkeit jeder Pflanze zugeordnet wurden. Bowers überträgt diesen poetischen Widerstand auf ein Platanen-Blattwerk in puderigem Grafit. Eine Anspielung auf die ungewisse Zukunft der Bäume, die sich großflächig über eine Wand verteilt. Zwischen und auf den Blättern prangen die Gedichte gegen die Abholzung – ganz in der Tradition der Amerikanerin, auch mit lokalen Protestgruppe zusammenzuarbeiten.

Aber nicht nur die Bremer vor der Weserburg sind in die Konzeption der Schau eingebunden: In „Political Ribbons“ konnten sich auch die Mitarbeiten des Museums verwirklichen. Die Arbeit besteht aus farbigen Satinbändern, auf die Slogans zu den Ärgernissen dieser Tage gedruckt wurden. Nebeneinander hängen sie, bilden eine bunte Wand und werben für mehr Toleranz, Naturschutz, Genderneutralität oder schlicht das Verlassen alter Pfade. In Anlehnung an die Schärpen der Suffragetten muss dieser Widerstand aber nicht im Museum bleiben. Die Besucher können die Sprüche nämlich mitnehmen – und ihren Protest so äußerst ästhetisch auf die Straße tragen.

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„Andrea Bowers. Light and Gravitiy“ ist noch bis zum 23. Februar in der Bremer Weserburg zu sehen.

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