Rüdiger Safranski liest im Theater am Leibnizplatz aus seiner Goethe-Biografie

Prophet und Poet

Rüdiger Safranski zeichnet in seiner Biografie ein vielfältiges Bild Goethes. ·
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Rüdiger Safranski zeichnet in seiner Biografie ein vielfältiges Bild Goethes. ·

Bremen - Von Nina Baucke. Der Herr Geheimrat hätte heute womöglich eine Facebook-Seite mit tausenden „Gefällt-mir“-Klicks, vielleicht sogar einen Twitter-Kanal. Kameras würden ihn verfolgen, wenn er aus seinem Lieblingsrestaurant käme, kein Theaterbesuch, mit wem auch immer als Begleitung, bliebe unbemerkt. Johann Wolfgang von Goethe – Superstar.

Wer Rüdiger Safranski zuhört, kann zumindest diesen Eindruck gewinnen. Der Autor liest bei der Bremer Shakespeare Company im Theater am Leibnizplatz aus der Biografie „Goethe – Kunstwerk des Lebens“ und wirft Schlaglichter auf den Werdegang des Dichterfürsten, der nach Safranskis Aussagen so anders geprägt war, als der von vielen seiner Berufskollegen.

Das Klischee des darbenden Poeten, der am Dasein verzweifelt wie Heinrich Heine am Ende seines Lebens in der „Matrazengruft“ – bei Goethe: Fehlanzeige. „Goethe konnte leben“, stellt Safranski klar. Und so ist auch das Bild, dass er im Verlauf der Lesung von dem Literaten – unterstützt durch dessen Briefe an Freunde und Verwandte – zeichnet: ein stürmischer Freigeist, der sich nicht die Zeit nimmt, das Blatt Papier gerade vor sich hinzulegen, sondern wild drauflos schreibt. Ein Idol, das Audienzen geben muss. Ein Hofbeamter, der sich bei all der Arbeit nach Mußestunden sehnt, um sich der Literatur zu widmen. Und ein alter Mann, der mit dem Schlüssel zum Holzschuppen unter dem Kopfkissen schläft und bei einer letzten Reise an ehemalige Wirkungsstätten einen leicht melancholischen und doch zufriedenen Blick auf ein langes Leben wirft.

Safranskis Kniff, für seine Biografie vornehmlich aus Werken, Briefen und Tagebüchern zu schöpfen, hat in dem zeitlich beschränkten Rahmen einer Lesung vor allem einen Effekt: Es wird persönlich, nah, menschlich – Goethe fällt vom Literaten-Olymp und plumpst in unsere Mitte.

„Liebe ist Jammer, aber jeder Jammer wird Wollust, wenn wir seine klemmende, stechende Empfindung, die unser Herz ängstigt, durch Klagen lindern und zu einem sanften Kitzel verwandeln“, schreibt Goethe 1767 an seinen Freund Ernst Wolfgang Behrisch. Er macht gerade als 18-jähriger Student Leipzig unsicher, entdeckt die Literatur, ver- und entliebt sich alle Nase lang. Zwei spätere Erfolge entstehen aus Fragmenten dieser Zeit, „Götz von Berlichingen“ und „Die Leiden des jungen Werthers“. Letzterer markiert den Durchbruch des Frankfurter Juristensohnes.

Als „Verwandlungskünstler“ sieht ihn von da an Safranski, als einen Autor verschiedener Genres – der Starkult setzt ein. In den Tagen vor der medialen Omnipräsenz unserer Zeit sah das so aus: Auf Wandertouren schließen sich ihm Bewunderer an, Vergleiche mit Jesus tauchen auf. „Goethe fragt sich: Prophet oder Poet?“, bringt es Safranski auf den Punkt. Goethe wählt die Poesie – und die Amtsstube: Ein Herzog und Bewunderer holt ihn als Geheimrat an den Weimarer Hof. „Ein Paradiesvogel findet Freude am Soliden“. So sieht es Safranski.

Lediglich die Lebenskrise, in die Goethe während seiner Zeit in Weimar gerät, kratzt ein wenig am Strahlemann-Image, das Safranski dem Dichter während seiner Lesung verpasst. Die Belastung als Geheimrat, das Ersticken im bürokratischen Klein-Klein des Beamtenalltags, der Blick auf ein literarisches Werk, das zu weiten Teilen aus Fragmenten besteht. „Ich bin recht zu einem Privatmenschen erschaffen“, schreibt Goethe 1782 an Charlotte von Stein. Doch im Vergleich mit anderen Literaten bleibt dies Jammern auf hohem Niveau, denn in der Verkleidung eines Künstlers und mit falschem Namen findet er in Italien seine Balance.

„Widersacher kommen nicht in Betracht, (...) denn sie können mich nicht fördern“, zitiert Safranski fast schon genüsslich Goethes verschriftlichten Fußtritt für seine Kritiker. Sein Blick auf den Dichter bleibt der eines Bewunderers. „Literatur zu schaffen ist das eine – dem Leben selbst einen Werkcharakter zu geben das andere“, bemerkt der Biograf. Im Fall Goethe bleibt dazu zu sagen: Mission erfüllt.

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