Bremens künftiger Theaterintendant Michael Börgerding lässt trotz Spardrucks auf ein Comeback der Inhalte hoffen

Die Promis gehen: Kommt jetzt Kunst?

Ort der bürgerlichen Begegnung, diesmal ohne Marketing-Sprech? Michael Börgerding wird 2012 Generalintendant am Theater Bremen.

Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) · Den „Marketing Innovationspreis“ kann sich Michael Börgerding schon mal abschminken. Dazu hätte der künftige Generalintendant des Bremer Theaters gestern so schicke Vokabeln wie „Label“, „Branding“ oder „Corporate Identity“ verwenden müssen. Wie sein Vorgänger Hans-Joachim Frey. Der hatte vor zwei Jahren erst die Auszeichnung des Bremer Marketing-Clubs eingesteckt – und wenig später jede Menge Prügel: Weil zwar die öffentliche „Performance“ seines Hauses stimmte, aber die Bilanz nicht.

Börgerding ist so ziemlich das exakte Gegenteil zum Event-Manager Frey, und es hat ganz den Anschein, als seien ihm Ehrungen für Marketing-Kampagnen herzlich gleichgültig. Ganz leise spricht er im Zwischenfoyer des Theaters, so als wollte er jetzt lieber einen Diskurs über Schillers ästhetische Briefe führen, als sich mit Fragen zu Finanzen und Konzepten herumschlagen. Er werde Transparenz schaffen, sagt er: ein Haus, das den Menschen offen steht. So ähnlich, nur lauter hatte das auch sein Vorgänger formuliert, als er einst vom „Ort der bürgerlichen Begegnung“ sprach.

Das war es dann aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Denn Börgerding schwebt eine ganz andere Art der Durchlässigkeit vor. So beabsichtige er, den Dialog zu anderen Institutionen der Stadt zu suchen. Zur Handelskammer? Zum Marketing-Club? Weit gefehlt. Junges Theater, Schwankhalle mit „Outnow!“-Festival; die ganze freie Szene, am Goetheplatz lange ignoriert. Das Theater werde zudem seine aktuelle Notwendigkeit beweisen müssen, sinniert Börgerding. Etwa wieder mit Michael-Jackson-Abenden und seichten Komödien? Nein, nein: zeitgenössische Dramatik, Dea Loher zum Beispiel. In einer eigenen ästhetischen Handschrift, die ein festes Regie-Team in den ersten drei Jahren erarbeiten soll. Wieder mit der „schönen Katharina Wagner“ (Bild-Zeitung) und dem sich lustig findenden Werner Schneyder? Natürlich auch das nicht.

Es deutet also vieles darauf hin, dass es endlich wieder um Kunst gehen wird am Theater Bremen. Aller Voraussicht nach wird man sogar um Qualität streiten dürfen. Hat doch der künftige Chef, der sein Amt erst in zwei Jahren antreten wird, zuletzt in Hamburg fleißig Punkte gesammelt: Dass der Stern des viel gelobten Thalia-Intendanten Ulrich Khuon nach Börgerdings Abschied vom Posten des Chefdramaturgen 2005 nicht mehr ganz so hell strahlte wie zuvor, blieb niemandem verborgen. Und dass im Gegenzug die seither von Börgerding geleitete Theaterakademie unter anderem eine herausragende Inszenierung von Brechts „Baal“ herausbrachte, ebenso wenig. Selbst der Mangel an praktischer Erfahrung im Tanz- und Opernbereich soll sich nicht auswirken. Immerhin, betont Börgerding, habe er in der Theaterakademie auch die Ausbildung von Opernsängern verantwortet. Seine Kontakte zu bedeutenden Künstlern des Sprechtheaters lassen viel Raum für Spekulationen und Spinnereien: Wer Dea Loher sagt, meint damit nicht selten auch den weithin begehrten Regisseur Andreas Kriegenburg, und wer in Bremen den Namen John von Düffel nennt, weiß, dass der Dramatiker in der Hansestadt zu Hause ist.

Doch während der Neue in Bremen Gas geben will, muss die Stadt das linke Pedal bedienen: die von Bundestag und Bundesrat im vergangenen Jahr verabschiedete „Schuldenbremse“. Auf den hochverschuldeten Stadtstaat wird sie sich massiv auswirken, Finanzstaatsrat Dieter Mützelburg (Grüne) spricht von jährlich 100 Millionen Euro Einsparungen. An eine Erhöhung des mit 25 Millionen Euro ohnehin denkbar knapp bemessenen Theater-Etats ist da nicht zu denken. Und es bedarf keiner besonderen Rechenkünste, um zu erahnen, wie bald eine Debatte um den nächsten Beitrag der Kulturszene zum Schuldenabbau ansteht.

Theaterintendanz heute bedeutet immer auch einen täglichen Kampf gegen das Dilemma des Kulturbetriebs: Es bedeutet, den Widerspruch aufzulösen zwischen dem Drang zur künstlerischen Entfaltung einerseits und der Zwangsläufigkeit ökonomischer Eingrenzungen andererseits. In Bremen sind zuletzt zwei Generalintendanten an dieser Kardinalfrage gescheitert.

Börgerding bleibt hier noch vage. Er spricht von finanziellen Nachteilen, die aber durch manche Vorteile, etwa geografischer Art, ausgeglichen würden. Zudem biete das Repertoire-System die Gelegenheit, weniger erfolgreiche Produktionen aufzufangen, also Schluss mit dem Semi-Stagione der Ära Frey. Und dass die Fokussierung auf neue Dramatik seinem Kollegen Lars-Ole Walburg am Schauspiel Hannover einen Rückgang von sage und schreibe 75 000 Besuchern beschert hat (von 200 000 auf 125 000), beunruhigt ihn nicht; die beiden Fälle ließen sich nicht miteinander vergleichen.

Eigentlich, findet der designierte Theaterchef, sei alles ganz einfach: Ein Intendant müsse sich bloß an die Etatvorgabe halten, dann könne er auch keine Schulden anhäufen. Das, mit Verlaub, haben auch schon andere zu ihrem Einstand verlauten lassen – um nach wenigen Jahren ein „Aber“ anzufügen. Vielleicht ist es diesmal aber auch wirklich ganz einfach. Dass dieser Intendant eine verständliche Sprache spricht, könnte dafür ein erstes Zeichen sein.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Sechs Monate Audible inkl. Gratis-Hörbücher für monatlich 4,95 Euro statt 9,95 Euro

Sechs Monate Audible inkl. Gratis-Hörbücher für monatlich 4,95 Euro statt 9,95 Euro

Das sind die Minister und Ministerinnen der Ampel-Koalition

Das sind die Minister und Ministerinnen der Ampel-Koalition

iPhone 13 jetzt schon sichern – zu diesen Hammer-Konditionen

iPhone 13 jetzt schon sichern – zu diesen Hammer-Konditionen

Angela Merkel: die wichtigsten Momente ihrer Karriere

Angela Merkel: die wichtigsten Momente ihrer Karriere

Meistgelesene Artikel

Annäherung zwischen Holstein und Togo

Annäherung zwischen Holstein und Togo

Annäherung zwischen Holstein und Togo
Daniel Kahn und seine Band The Painted Bird gastieren in der Kreissparkasse Syke

Daniel Kahn und seine Band The Painted Bird gastieren in der Kreissparkasse Syke

Daniel Kahn und seine Band The Painted Bird gastieren in der Kreissparkasse Syke
Christoph Sell von Feine Sahne Fischfilet spricht über Bauhaus und Extremismus

Christoph Sell von Feine Sahne Fischfilet spricht über Bauhaus und Extremismus

Christoph Sell von Feine Sahne Fischfilet spricht über Bauhaus und Extremismus
"Ich bezeichne Homophobie als nackte Dummheit"

"Ich bezeichne Homophobie als nackte Dummheit"

"Ich bezeichne Homophobie als nackte Dummheit"

Kommentare