Prominenter Programmgeber: Die Bremer Philharmoniker lassen sich zum Saisonabschluss lohnend von Stanley Kubrick leiten

Ungefähre Klänge

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Dima Slobodeniuk

Bremen - Von Tim Schomacker. Keine Frage, sie hatten gute Stellvertreter. Schlussendlich fehlten sie dann aber doch. Denn keine der drei Kompositionen von György Ligeti, mit denen Regisseur Stanley Kubrick seinen 1968er Film „2001 – Odyssee im Weltraum“ untermalte, kamen zum fulminanten Saisonabschluss der Bremer Philharmoniker zur Aufführung: wirtschaftliche Gründe, bemerkte das Programmheft lapidar. Dass man keinen Chor zur Verfügung hatte für „Lux aeterna“ oder das im Film leitmotivisch gesetzte „Kyrie“ aus dem Requiem, geschenkt. Die Besetzung der ziseliert clustrigen „2001“-Eingangsmusik, „Atmosphères“ indes liegt nicht so rasend weit entfernt von jener, die dann tatsächlich auf der Glocke-Bühne saß. - Von Tim Schomacker.

Wie immer begründet, schade war’s dann schon. Schließlich hätten Kompositionen, die in unmittelbarer Zeitgenossenschaft mit den beiden für diesen Abend programmgebenden Filmen – neben „2001“ noch „A Clockwork Orange“ aus dem Jahr 1971 – entstanden sind, der klugen Dramaturgie dieses Konzerts das berühmte I-Tüpfelchen hinzugesetzt. Als lohnend erwies sich die unter dem Dirigat des aus Moskau stammenden Salonen-Schülers Dima Slobodeniuk Zusammenstellung allemal. Nicht zuletzt, weil der Umweg über die Kubrick-Auswahl gleich mehrere Hörmöglichkeiten offerierte. So ließ sich einerseits natürlich der Motivation des Meisterregisseurs nachsinnen. Wie viel Gewalttätigkeit, wie viel zynischer Liebreiz (was unter Umständen ja noch gewalttätiger ist), wie viel Atmosphäre, wie viel Brüchigkeit oder Erhabenheit lässt sich einem zunächst einmal ja bildlosen Orchesterstück abringen, wenn man es mit dem Filmbild kombiniert. Und wie viel bleibt davon übrig, wie durch Gebrauch, Gewohnheit, Tradition drangeheftet an das Stück – sagen wir: Johann Strauß‘ Walzer von der blauen Donau –, nimmt man die Bilder wieder weg. Gerade bei Strauß ist das verblüffend. In Slobodeniuks Version mit den Bremer Philharmonikern scheint diese Blaue Donau weniger Richtung Opernball sich zu strecken als dass sie Zitat werden möchte in Gustav Mahlers spätestromantischem sinfonischen Kosmos.

Womit wir wieder beim Thema wären. Denn ohne Kubrik wäre der Strauß auch nicht bei den „Simpsons“ angekommen. Und der US-Trickfilm-Dauerbrenner ist ja mal ein Ausweis für ein gewisses Maß an kultureller Wirkmächtigkeit. Homer Simpson schnappt in der nämlichen Kubrick-Episode übrigens im Donau-Dreivierteltakt nach frei flottierenden Kartoffelchips. Wodurch er die ganze Raummission zum, kentern bringt. Minus Ligeti besteht das Programm dann nahezu ausschließlich aus echten Hits. Deren Hithaftigkeit allerdings sich nur – und das bewies das Konzert eindrucksvoll – auf kurze Momente in den jeweiligen Stücken beschränkt. Rossinis „Wilhelm Tell“-Ouvertüre etwa überrascht durch einen kammermusikalischen Eingang. Erweist sich als ein äußerst eigenartig zerklüftetes Stück Orchesterliteratur. Das – ebenso wie der Strauß – verblüfft, indem es ganz am Ende die dynamische Bewegung nach unten richtet. Ins Leise, innerliche, Fokussierte, Ungefähre.

Dieses ausgeklügelte Ungefähre ist es dann auch, was die Philharmoniker unter Slobodeniuks Leitung Stück um Stück herauskitzeln. So wirkt Aram Chatschaturjans Ballett-Suite „Gayaneh“ vor dem notorischen Säbeltanz wie der böse und doppelbödig orchestrierte Wunsch nach einem trickfilmartigen sowjetischen Pendant zu den frühen Disney-Werken. Der Streicherapparat der Bremer Philharmoniker brilliert hier mit scharfkantigen Flächen und raschen Wendungen. Slobodeniuk beweist quer durch das gesamte, auf Richard Strauss „Zarathustra“-Tondichtung geschickt hinauslaufende Programm viel Gespür für die Tiefenschärfe und die Räumlichkeit der unterschiedlichen Stücke. Zahlreiche gleichsam als Stellvertreter für die fehlenden „Atmosphères“-Cluster werden Tremoli aus dem Nichts hervorgeholt. Die Blechbläser im Rossini scheinen gigantische Distanzen überwinden zu müssen. Das orgelgrundierte Bläser- und Paukenintro des „Zarathustra“ kommt daher wie ein Sternenaufgang, dem man die Lichtjahre anmerkt, die sein Blitzen auf dem Buckel hat. Ohne das Slobodeniuk sich beim freundlich beherzten Dirigat selbst blenden ließe. So kommen dann die ziselierten strukturellen Verwerfungen und Entwicklungen von Strauss‘ an vielen Stellen gar nicht mehr so gigantischen Orchester-Trumm eben auch zu ihrem Recht. Unterm Strich sauber, weil in vielerlei Hinsicht anschauliche Klangarbeit zum Saisonfinale.

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