Programm zur neuen Spielzeit: Theater Bremen kümmert sich ums Familienleben – in jeder Hinsicht

Früchte der Bühne

Ein „Mikrokosmos gesellschaftlicher Prozesse“ auf großer Fahrt.
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Ein „Mikrokosmos gesellschaftlicher Prozesse“ auf großer Fahrt.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Diskretion ist bei Vertragsverhandlungen oberstes Gebot. Es sei denn, es stehen Wahlen vor der Tür. Generalintendant Michael Börgerding, so ließ Bremens Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz (SPD) gestern im Rahmen der Spielzeit-Pressekonferenz die Öffentlichkeit wissen, werde ganz gewiss seinen nach der kommenden Spielzeit auslaufenden Vertrag verlängern.

Die aktuellen Verhandlungen jedenfalls verliefen überaus vielversprechend. Der so Umworbene reagierte erkennbar unangenehm überrascht.

Er sei „eigentlich davon ausgegangen, dass vor der Wahl da nichts mehr öffentlich passiert“, stammelte er reichlich perplex ins Mikrofon. So schnell kann sich ein Intendant als Marionette wiederfinden – in einem politischen Spiel, wie es Schiller nicht besser auf die Bühne bringen könnte.

Die Episode wäre ganz großartig dazu geeignet gewesen, ein Spielzeitprogramm zu präsentieren, das sich um Macht und Politik dreht. Tatsächlich aber will es das Theater Bremen demnächst eher familiär angehen lassen. Familie nämlich, sagt die neue Schauspielchefin, Simone Sterr, sei ein „Mikrokosmos gesellschaftlicher Prozesse“: Das Politische findet sich darin ebenso wieder wie die Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit. Auch wenn diese Hoffnungen im Theater meist krachend scheitern.

Heinrich von Kleists „Familie Schroffenstein“ zum Beispiel taugt so gar nicht als Modell für die heile Welt am Wohnzimmertisch. Und auch Henrik Ibsens Drama „Nora oder ein Puppenheim“ gönnt seinem Personal nur ein scheinbar sicheres ökonomisches Nest. Starker Tobak ist Lot Vekemans „Gift. Eine Ehegeschichte“: Das Zweipersonenstück über ein Ehepaar, das sich zehn Jahre nach dem Tod des gemeinsamen Kindes erstmals wiedersieht, war erst in der vergangenen Spielzeit am Oldenburgischen Staatstheater zu erleben.

Ästhetisch bleibt sich das Bremer Theater den unter Börgerdings Leitung etablierten Regiehandschriften treu. Neben den beiden Hausregisseuren Felix Rothenhäusler („Verzehrt“ nach dem Roman von David Cronenberg und „Nora“) und Alexander Riemenschneider („Das Schloss“ nach dem Roman von Franz Kafka und „Die Familie Schroffenstein“) ist auch Klaus Schumacher wieder mit von der Partie, diesmal mit Simon Stephens‘ „Pornographie“ und Arthur Millers „Hexenjagd“. Alize Zandwijk, heißt es, werde ab dem nächsten Jahr fest ans Bremer Theater wechseln und zum Übergang Tracy Letts Stück „Eine Familie“ inszenieren. Und Performance-Spezialist Alexander Giesche will sich diesmal aus dem sicheren Terrain der Bühne heraustrauen, irgendwo hinein in die Großstadt.

Familien spielen auch im Musiktheater eine Rolle, hier allerdings liegt der Fokus verstärkt auf den Einzelgängern im sozialen Gefüge. Um Personen wie den armen „Wozzeck“ zum Beispiel, dem es in Alban Bergs Oper nach Georg Büchner selbst mit zwei Jobs nicht gelingt, seine Familie zu ernähren. Gleich drei Einzelgänger treten in Giuseppe Verdis „Rigoletto“ auf, unglücklich aneinander gekettet in einer tragischen Geschichte aus Spott- und Rachsucht.

Regie führen alte Bekannte wie Michael Talke („Rigoletto“) und Anna-Sophie Mahler („Maria Stuarda“), dazu kommen große Namen: Armin Petras war bereits in der vergangenen Spielzeit zu Gast mit einer viel beachteten „Anna Karenina“, Andreas Kriegenburg, der zuletzt kurzfristig absagen musste, will nun doch noch Astor Piazzollas „María de Buenos Aires“ auf die Bühne bringen.

Im Tanz kommt es erstmals zu einer gemeinsamen Produktion mit dem Bremer steptext dance project: „Zwei Giraffen tanzen Tango – Bremer Schritt“ ist die Rekonstruktion eines laut Theaterangaben „wegweisenden, aber fast vergessenen Werkes des deutschen Tanztheaters“. Das Original, eine Choreografie von Gerhard Bohner, war 1980 am Bremer Theater entstanden.

Der Familienbegriff spiegelt sich in der Tanzsparte nicht sichtbar wieder, dafür aber im Theaterbetrieb insgesamt. Sage und schreibe 20 Mal seien Mitarbeiter seines Hauses in den vergangenen beiden Jahren Mutter oder Vater geworden, sagt Börgerding: Zwischenbilanz einer offenbar nicht nur künstlerisch befruchtenden Intendanz.

Die Premieren am Theater Bremen

Oper:

„Peter Grimes“ von Benjamin Britten, Premiere: 3. Oktober.

„Rigoletto“ von Giuseppe Verdi, Premiere: 24. Oktober.

„María de Buenos Aires“ von Astor Piazzolla, Premiere: 6. Dezember.

„Wozzeck“ von Alban Berg, Premiere: 13. Februar.

„Maria Stuarda“ von Gaetano Donizetti, Premiere: 2. April.

„Werther“ von Jules Massenet, Premiere: 20. Mai 2016

„Surrogate Cities“ von Heiner Goebbels, Premiere: 18. Juni 2016

Schauspiel:

„Verzehrt (Consumed)“ nach einem Roman von David Cronenberg, Premiere: 17. September.

„Das Schloss“ nach einem Roman von Franz Kafka, Premiere: 20. September

„Verbrennungen“ von Wajdi Mouawad, Premiere: 26. September.

„Gift. Eine Ehegeschichte“ von Lot Vekemans, Premiere: 4. Oktober.

„Pornographie“ von Simon Stephens, Premiere: 13. November.

„Pünktchen und Anton“ nach einem Roman von Erich Kästner, Premiere: 15. November.

„Kauza Schwejk“ nach einem Roman von Jaroslav Hašek, Premiere: 19. November.

„Nostalgie 2175“ von Anja Hilling, Premiere: 28. November.

„Istanbul“, ein Sezen-Aksu-Liederabend, Premiere: 19. Dezember.

„Eine Familie“ von Tracy Letts, Premiere: 26. Februar

„Nora“ von Henrik Ibsen, Premiere: 3. März

„Hexenjagd“ von Arthur Miller, Premiere: 22. April

„Die Familie Schroffenstein“ von Heinrich von Kleist, Premiere: 30. April

„Seid nett zu Mr. Sloane“ von Joe Orton, Premiere: 13. Mai 2016

„Auswärtsspiel: Blumenthal“, Festival vom 2. bis 12. Juni 2016

Performance von Alexander Giesche, Premiere: 15 Juni 2016

„Der Sturm“ von William Shakespeare, Premiere: 17. Juni 2016

Tanz:

„Einer flog über das Kuckucksnest“ von Dale Wasserman, Premiere: 30. Oktober

Ein neues Stück von Samir Akika, Premiere: 24. März

„Parallel Maze“ von Máté Mészáros, Premiere: 28. Mai 2016

„Zwei Giraffen tanzen Tango – Bremer Schritte“ von Helge Letonja, Premiere: 9. Juni 2016

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