Der Bremer Literaturpreis wird im Namen Rudolf Alexander Schröders verliehen – dessen Werk fand Anklang bei den Nazis

Das Problem mit dem Patron

Bilddokument aus den „Bremer Nachrichten“, 27. Januar 1938: Bremens Bürgermeister Böhmcker gratuliert Rudolf Alexander Schröder zum 60. Geburtstag.

Von Henning BleylBREMEN (Eig. Ber.) · Der 26. Januar ist einer der wenigen Tage, an denen Bremen Jahr für Jahr bundesweite Aufmerksamkeit erfährt: Es ist der Geburtstag des Dichters Rudolf Alexander Schröder. Und deswegen der fixe Termin für die Verleihung des Bremer Literaturpreises. Die samt Förderpreis mit 26 000 Euro dotierte Auszeichnung geht heute an Clemens Setz und Roman Graf.

Auslober ist die Rudolf Alexander Schröder Stiftung. Sie hat die Aufgabe 1962 vom Bremer Senat übernommen, nachdem sich dieser durch die Aberkennung des eigentlich Günter Grass zugesprochenen Preises gründlich blamiert hatte. Mit ihrem Namenspatron hat die Stiftung allerdings selbst eine Altlast zu tragen – die in Gegensatz zur längst beliebt gewordenen Grass-Anekdote kaum problematisiert wird: Schröders Rolle und Rezeption im „Dritten Reich“.

Schröder, der aus einer alteingesessenen Bremer Patrizierfamilie stammt, ist unbestreitbar ein herausragender und vielseitiger Künstler. Als Dichter, Antiken-Übersetzer, Innenarchitekt, Maler und Mitbegründer des legendären Insel Verlags hat er bleibende Spuren hinterlassen, zudem gilt er als bedeutender Erneuerer des evangelischen Kirchenliedes. Etliche Schröder-Dichtungen wie „Abend ward, bald kommt die Nacht“ gehören nach wie vor zum Stammteil des Evangelischen Gesangbuchs. Doch auch in anderen Liedersammlungen sind Schröders Texte prominent vertreten: Sein „Deutscher Schwur“ beispielsweise avancierte zu einer zentralen Hymne von HJ und SA.

Dieser Aspekt der Schröderschen Wirkungsgeschichte wird nur sehr eingeschränkt zur Kenntnis genommen. Das NS-Regime habe Schröder 1935 „jedes Auftreten in der Öffentlichkeit untersagt“, heißt es in einer – immerhin vom Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland veröffentlichten – Biografie. Deswegen habe er Bremen verlassen und sich nach Bergen am Chiemsee zurückgezogen. Auch die Schröder-Stiftung, hinter der die Bremer Stadtbibliothek steht, betont in ihrem Internet-Auftritt Schröders „Innere Emigration“ und seine Zugehörigkeit zur Bekennenden Kirche. Beides trifft zu, zeigt aber auch die Dehnbarkeit des Begriffs „Innere Emigration“. Unerwähnt bleibt beispielsweise, dass Schröder als Autor des „Inneren Reichs“, einer bürgerlichen, aber strikt der „Führung des deutschen Volkes durch Adolf Hitler“ verpflichteten Zeitschrift, weiter publizierte – und 1938 mit einem großen Festakt im Bremer Rathaus bedacht wurde.

Es war ebenfalls ein 26. Januar: Schröders 60. Geburtstag, zu dem sich die Hautevolee der Hansestadt im Bremer Rathaus eingefunden hatte. Schließlich wurde Schröder eine herausragende Würdigung zu Teil: Ebenso, wie zu Ehren seines 75. Geburtstags 1953 der Bremer Literaturpreis ins Leben gerufen wurde, stiftete man dem Jubilar 15 Jahre zuvor die „Medaille für Kunst und Wissenschaft“. Sie wird seither als Bremens höchste Kulturauszeichnung verliehen. Erster Gratulant Schröders war der SA-Gruppenführer und Regierende Bürgermeister Heinrich Böhmcker, wegen seiner Brutalität in den Saalschlachten der dreißiger Jahre als „Latten-Böhmcker“ bekannt.

Auf der Homepage der Schröder-Stiftung wird zwar ungeschönt über den national-konservativen Patriotismus des Dichters im Ersten Weltkrieg berichtet. Außen vor bleibt allerdings die Präsenz seiner Texte in den Lesebüchern und Liedersammlungen der NS-Zeit, auch die entsprechenden Ehrungen.

Wer sich heute auf Spurensuche in Sachen Schröder macht, stößt auf zahlreiche Auslassungen und Widersprüche. Noch immer fehlt eine kritische Biographie, die auch die weniger rühmlichen Aspekte seines Wirkens – und seiner Rezeption – systematisch aufarbeitet. In gängigen Literaturlexika wird Schröders Haltung zum Ersten Weltkrieg als „liberal-national getönter Humanismus“ (Herbert Rösch) bezeichnet, dabei stellen gerade Schröders Verse wie der 1914, mit 36 Jahren, gedichtete „Deutsche Schwur“ ein Paradebeispiel für die unmittelbare Anschlussfähigkeit des bürgerlichen Patriotismus an die NS-Ideologie dar.

Ähnlich verhält es sich mit „Das Banner fliegt, die Trommel ruft“: Hier musste ein zwar wichtiges, aber eben auch nur einziges Wort geändert werden, um eine der verbreitetsten NS-Hymnen zu kreieren. Nachdem der ebenfalls „rufende“ „Kaiser“ durch „Führer“ aktualisiert worden war, fand die Hymne in nahezu alle einschlägigen Sammlungen vom „SS-Liederbuch“ über „Junge Gefolgschaft“ bis zu „Die Wehrmacht singt – Soldatenlieder mit Klavierbegleitung“ Eingang. Oft wurde sie sogar selbst zum Sammlungs-Titel.

Dieser größte Erfolg Schröders im „Dritten Reich“, das muss betont werden, war unfreiwilliger Natur: Den „Führer“ fügte nicht Schröder, der später deutlich unter den „immer finsterer werdenden Zeiten“ litt, sondern der Komponist Heinrich Spitta in den Kehrvers ein. Aber inwiefern sind die grobschlächtigen Propaganda-Reime der einzelnen Strophen mit der „Einheit von klassischer Dichtung und christlichem Ethos“ kompatibel, für die Schröder etwa im „Kindler“ so belobigt wird?

In Bezug auf Schröders Verknüpfungen mit dem „Dritten Reich“ blieben Augen zumeist geschlossen – die Öffentlichkeit ging mit dem Dichter weit weniger kritisch um als dieser mit sich selbst. Schröder galt nach 1945 als „großer alter Mann der Literatur“, man benötigte ihn als moralische Instanz, die die NS-Zeit völlig unbeschadet überstanden habe. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung wählte Schröder zum Ehrenvorsitzenden. Daneben blieb er bis zu seinem 80. Geburtstag Vorsitzender der Bremer Literaturpreis-Jury.

Die in Schröders Ägide vorgenommenen Preisvergaben zeichnen sich dadurch aus, dass Autoren des Exils – in auffälligem Gegensatz zu denen der „Inneren Emigration“ – chancenlos blieben. Auch die Auszeichnung Paul Celans versuchte Schröder zu verhindern. Dass sie dann zeitgleich mit der Feier seines 80. Geburtstags erfolgte, empfand der Preis-Patron als persönlichen Affront.

Es scheint, dass Schröder dem nach ihm benannten Preis schon zu Lebzeiten nicht nur Nutzen gebracht hat. Und während sich die Literaturwissenschaft in den vergangenen Jahrzehnten recht wenig mit dem Dichter beschäftigte, sind seine Verse in der rechtsradikalen Szene bemerkenswert präsent – wie man anhand diverser Nazi-Internetforen nachvollziehen kann.

Taugt Schröder noch als Patron des Bremer Literaturpreises? Barbara Lison, Bibliotheksdirektorin und Geschäftsführerin der Schröder-Stiftung, sagt: Angesichts der hier skizzierten politischen Ambivalenzen Schröders könne man diese Frage durchaus stellen.

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