„Lucio Silla“ überzeugt in Bremen musikalisch, aber nicht szenisch

Privat geglänzt

Auf einem guten Weg: Rolando Villazón ist wieder bei Stimme. ·
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Auf einem guten Weg: Rolando Villazón ist wieder bei Stimme.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Am Ende gab es Ovationen für Marc Minkowski, seine „Musiciens du Louvre“ und sechs großartige Sänger. „Lucio Silla“ hatte am Sonntagabend zuvor auf dem Programm gestanden, eine frühe Oper Wolfgang Amadeus Mozarts für die erste Veranstaltung nach dem Eröffnungsabend des diesjährigen Bremer Musikfests.

Im Alter von gerade einmal 16 Jahren hatte der Salzburger Komponist sie einst geschrieben: für die Stadt Mailand, nachdem er dort 1770 schon mit „Mitridate“ einen großen Erfolg erlebt hatte. Auch die Oper „Lucio Silla“ stieß bei ihrer Uraufführung zwei Jahre später auf große Resonanz – wenngleich ein Folgeauftrag ausblieb.

Die jetzige Aufführung im Bremer Musicaltheater machte in beglückender Weise deutlich, wie auf der Basis der Opera seria die sechs Charaktere gegenein ander differenziert werden, wie der junge Mozart Konventionen über Bord wirft und dem verblassenden Genre einen neuen Sinn gibt. Das unklare Libretto erzählt vom römischen Diktator Silla (138-78 v. Chr.), der durch Intrigen die Feindestochter Gunia zu seiner Frau machen will, aber ihrer Ablehnung und Liebe zu Cecilio nachgeben muss. Überraschend dankt er schließlich ab und schenkt Rom die Freiheit.

Die exorbitanten Anforderungen an die Sänger resultieren aus dem damaligen Standard in Mailand. In Bremen singen in einer Koproduktion mit der Salzburger Mozartwoche Rolando Villazón den Silla, Olga Peretyatko die Giunia, Marianne Crebassa den Cecilio, Inga Klana den Lucio Sinna und Eva Libau die Celia.

Es ist selten genug, dass hier alle Interpreten auf allerhöchstem Niveau agieren. Frappierend ist in diesem Stück – und dies arbeitet Minkowski mit seinen formidablen Musikern berückend heraus –, wie Mozart sich der zunehmend dominierenden Todessphäre verpflichtet fühlt. Es entstehen Orchesterfarben von großer Tiefe und farbiger Energie, besser kann man sich das nicht vorstellen. Und immer wieder erlebt man es als unfassbar, dass diese seelischen Dimensionen ein Sechzehnjähriger geschrieben hat.

Natürlich liegt der Spannungsfokus auf Rolando Villazón: Er bewältigt seine Partie unerwartet gut, auch sehr gut, denn noch immer wird seinem Auftreten nach seiner Stimmkrise um 2009 mit Skepsis begegnet. Aber er scheint auf einem guten Weg, der Gesang stimmt, und dass er schier platzt vor Präsenz und Identität mit der Rolle, ist ebenso bekannt, wie es immer wieder begeistert. Es erweist sich zudem als eine gute Idee, seine Partie durch eine Arie aus „Silla“ von Johann Christian Bach zu erweitern. Denn bei der Uraufführung 1772 in Mailand war der Sänger krank geworden, und dem schlechten Ersatz, der kam, kürzte Mozart die ursprünglich geplanten vier Arien auf zwei, die zudem im Verhältnis zu den anderen kaum Virtuosität aufwiesen.

Bei allen sängerischen und klanglichen Wundern bleibt ein Unwohlsein: Es ist eine Oper, zu der eine Inszenierung gehört, aber kein mehr oder weniger privates Gebaren. Dann heißt es „szenische Einrichtung“, und dafür ist auch ein Regisseur verantwortlich: Marshal Pynkowski. Von einer wie auch immer gearteten „Regie“ war aber nichts zu merken, stereotypische Sängergesten wie die hochgerissene Hand zum Abschlusstriller, unnatürliche Gänge wie hüpfendes Eilen, wie das wirkungsvolle Wedeln von Sillas Mantel. Mit den römischen Säulen an der Seite des Orchesters und der stimmungsvollen Pinienlandschaft auf dem Hintergrundprospekt ist man hier immer wieder auf die eigene szenische Imagination angewiesen, die allein aus dem Gesang kommt. Da kann die musikalische Wiedergabe noch so gut sein – und das war sie – das bleibt was ungutes Halbes.

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