Liederabend am Theater Bremen

Prima Madonna

Von der lebenden Discokugel zur christlichen Ikone: „In Bed with Madonna“ am Theater Bremen. Fotos: jörg landsberg
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Von der lebenden Discokugel zur christlichen Ikone: „In Bed with Madonna“ am Theater Bremen.

Bremen - Verführerin, Heilige, Feindbild, Hure, Galionsfigur und Stachel im Fleisch der katholischen Kirche: Im Lauf ihrer langjährigen Karriere war Madonna Louise Veronica Ciccone schon so einiges. Je nach Standpunkt gab und gibt die Sängerin mehr als genügend Anlass, sich über sie aufzuregen – oder sie für ihr Spiel mit den gängigen Vorstellungen von Weiblichkeit zu feiern.

Das Theater Bremen ist da eindeutig in der letzteren Gruppe zu finden, zumindest wenn man die aktuelle Produktion „In Bed with Madonna“ als Maßstab nimmt. Unter diesem Titel hat Anne Sophie Domenz einen Liederabend inszeniert, der Leben und Wirken der 61-Jährigen unterhaltsam würdig – und einmal mehr ihre Bedeutung, die weit über die Popmusik hinausreicht, unterstreicht. Fünf Darsteller sind es, die sich recht chronologisch durch das musikalische Werk arbeiten. Da wird ein Hit nach dem nächsten angestimmt, während die Kostüme immer wieder an einzelne Phasen im künstlerischen Schaffen erinnern.

Den Anfang macht natürlich „Holiday“, jener Song, der Madonna den Durchbruch brachte. In Bremen singt ihn Annemaaike Bakker. Im weißen Nachthemd stimmt sie – begleitet von Maartje Teussink als grandiose Ein-Mann-Band – von Ekstase erfüllte Zeilen an, und wird direkt ruhiggestellt. Manch einen hätten Fesseln und Tabletten für immer zum Schweigen gebracht, diese Madonna aber nicht. Und während hoch oben die christliche Galionsfigur (Alexander Angeletta) ganz katholischen Tugenden folgend von Jungfräulichkeit singt, macht sie sich zum Kampf bereit. Dem Kampf gegen vorherrschende Geschlechterrollen. Der Abrechnung mit längst überholten Vorstellungen von Weiblichkeit. Stets getrieben von der Überzeugung, dass jeder und jede sein kann was er oder sie möchte.

Denn aller Nostalgie und Ikonenverehrung zum Trotz ist „In Bed with Madonna“ eben weit mehr als einfach nur ein Abend, der einen Hit nach dem anderen abreißt. Er ist ein mitreißendes Plädoyer dafür, uns von niemandem sagen zu lassen, wer wir sein müssen, damit man uns akzeptiert. Oder wie unser Leben auszusehen hat.

Dass das Ganze so ausgezeichnet funktioniert, ist vor allem Annemaaike Bakker zu verdanken. Im Kleinen Haus gibt sie stimmlich herausragend die dunkelhaarige Madonna, die sich in eine menschliche Discokugel verwandelt oder mit Gitarre bewaffnet Countrysongs schmettert, während sich der männliche Rest des Ensembles (Ferdinand Lehmann, Justus Ritter und Alexander Angeletta) an einem Line-Dance versucht. Eine Referenz zum Musikvideo des Hits „Don’t tell me“ aus dem Jahr 2000. Übrigens nicht die einzige Erinnerung an die früher wichtigen Clips auf MTV oder Viva. Damals, als die Verkaufszahlen von Schallplatten auch von der Werbung im Fernsehen abhingen.

Aus diesen Zeiten stammt auch eine weitere Szene mit Deniz Orta, die in einem fabelhaften Regieeinfall mit einem Gabelstapler auf die Bühne gefahren wird. Warum? Weil sie sonst nicht auf die überdimensionale Discokugel kommt, die das Bühnenbild (Ausstattung: Anne Sophie Domenz) prägt. Hoch oben steht sie nun auf High Heels, singt „Frozen“ und hält ein Plädoyer für offene Herzen. Ein emotionaler Moment, dessen Wucht wieder verpufft, als der Gabelstapler Orta mit lautem Piepen rückwärts von der Bühne karrt.

Dort warten sie schon, die anderen Madonnen. Warten auf ihren Auftritt und darauf, einmal mehr zu fragen: „What it feels like for a girl“. Eine Frage, die das Bremer Ensemble in der letzten Szene des Abends vor einem Neonvorhang natürlich vor allem an das männliche Publikum richtet. Den Frauen müssen sie schließlich nicht mehr erzählen, welcher Druck auf ihnen lastet.

Sehen

„In bed with Madonna“ steht in den kommenden Wochen einige Mal auf dem Spielplan. Allerdings gibt es aktuell nur noch für den 31. Dezember, 16 Uhr, Restkarten. Wer kurzfristig planen kann, sollte es trotzdem an der Abendkasse versuchen.

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