Prager Pavel Haas Quartett in Bremer Glocke

Voll ins Risiko

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Furios und wild: Das Pavel Haas Quartett überzeugte in der Bremer Glocke.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Was macht ein überragendes Streichquartett aus? Ja, klar: radikale und extreme Umsetzung der interpretatorischen Vorschriften, Homogenität, als wäre es ein Instrument, gleichzeitig Klangschönheit und Individualität der vier Instrumente. Musiker, die das können, gibt es unzählige, Spitzenleistungen sind immer wieder bei den Philharmonischen Kammerkonzerten zu hören. Wir haben auch schon gemeint, diese oder jene Streichquartette seien nicht mehr zu toppen: nun aber versagen tatsächlich die Worte, wenn wir jetzt das schwindelerregende Niveau des Pavel Haas Quartettes aus Prag zu beschreiben versuchen. - Von Ute Schalz-Laurenze.

Alles, wirklich alles unerhört in einem großartigen Programm: nach Serge Prokofieffs erstem etwas harmlosen Streichquartett Ludwig van Beethovens op. 95, jenes 1810 schmerzgezeugte Werk, das er am liebsten der Öffentlichkeit vorenthalten wollte, es sei für Kenner geschrieben, sagte er, nicht für das große Publikum. Beim Spiel von Veronika Jarušková und Marek Zwiebel (Violine), Pavel Nikl (Viola) und Peter Jarušek, Cello wurde Beethovens Lebensgefühl greifbar nahe: „Welch zerstörendes, wüstes Leben um mich her, nichts als Trommeln, Kanonen, Menschenelend in aller Art“, hatte er geschrieben.

Furios und wild, dabei mit äußerster Genauigkeit – waren das wirklich vier? – knallte das unisono in den Raum und ließ den Hörer bis zum letzten Ton nicht mehr los. Vom verzweifelten Aufbegehren und immer wieder versuchten, nie verwirklichten Trost, ist die Rede: Atemberaubend die Attacken, die wie ein einziges Instrument klangen, und wunderbar die Beruhigungen, die die individuellen Klangschönheiten regelrecht zauberten.

Es ist schwer, für Beethovens Musik, das einen Menschen zeigt, „der sich im Sturm befindet“ (Beethoven), ein qualitativ gleichwertiges Pendant zu finden. Das fünfte Streichquartett von Béla Bartók (1934) ist es schon. Mühelos wurden hier die unbeschreiblichen rhythmischen Schwierigkeiten – die ihren Ursprung in der bulgarischen Volksmusik haben – scheinbar einfach hingelegt, traumhaft sicher die irrealen Klangfarben gefunden. Alle Spieler sind allein und gemeinsam derart sicher, dass sie sich voll ins Risiko stürzen können. Und nur mit existentiellem Risiko macht man gute Musik.

Das ist nichts Neues, war aber hier in so beglückendem Mass vorhanden, dass ein Wunsch im Publikum mehrfach zu hören war: Wiederkommen und bitte – unterstützt durch die Zugabe des Amerikanischen Streichquartettes von Antonín Dvorák – mit einem tschechischen Programm. Zum Beispiel Dvorák, Janacék und Smetana, für dessen Streichquartett „Aus meinem Leben“ die vier gerade mit einem Gramophone Award für „die beste Kammermusikaufnahme“ 2015 ausgezeichnet wurden.

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