Oldenburger Ballett

Präzises Gewusel

Permanentes Vorandringen als kämpferische Geste: „D-Man“ am Staatsttheater Oldenburg. -  Foto Stephan Walzl

Oldenburg - Von Tim Schomacker. Eine blau ausgeleuchtete Leinwand füllt die Bühnenrückseite. Wie eine Reminiszenz an den Film „Blue“ des britischen Regisseurs Derek Jarman, der damit unter anderem sein schwindendes Sehvermögen verarbeitete.

Vor der Leinwand ein Tänzer-Tentett. Alle in – je individuell nuancierten, auf Gesamtsicht aber halbwegs uniformierenden – Military-Klamotten. Als „D-Man in the Waters“ des amerikanischen Choreographen Bill T. Jones 1989 erstmals aufgeführt wurde, war Jarmans Film noch nicht erschienen. Bald dreißig Jahre später zeigt die BallettCompagnie Oldenburg Jones’ Arbeit wieder, einstudiert von der Jones-Mitarbeiterin Janet Wong. Und auf den Punkt gebracht von einem tänzerisch sicheren, körperlich robusten und in Kleinigkeiten ausdrucksstarken Oldenburger Ensemble.

Souverän führen die zehn Akteure durch den präzise wuseligen „D-Man“. Die Dynamik der Choreographie, das beständige Ineinanderblenden einer Figur oder Konstellation in eine andere, liegt eng an oder auf Mendelssohn-Bartholdys frühem Streichoktett op. 20. Die kämpferische Geste – die Kostüme legen es ähnlich nahe wie die Geschichte des Tänzers Demian Acquavella (D-Man), dessen Aids-Erkrankung über die Stückentwicklung Ende der 1980er ausbrach, so dass er zur Premiere nur noch Teile tanzen konnte – die kämpferische Geste also legt Jones weniger ins Kantige als ins permanente Vorandringen. Mal leise aber beharrlich, wie zu Beginn des 2. Bartholdy-Satzes mit einer nicht enden wollenden Reihe fußspitzenstolzierender Quergänge, die sich dann zu Duos schichten und schließlich in einer zittrig schillernden Gruppe vogelartiger Figuren mündet. Dann wieder energisch bis gehetzt, wenn Hebe- und Springfiguren, Solopartikel und Linien bildende Gruppen als Parallelkonstruktion den Raum des Geschehens immer wieder neu bewerten. Am eindrucksvollsten für einen Sekundenbruchteil, da ein Tänzer gehalten von zwei Kolleginnen in der Luft steht, vor dem Blau, die Arme seitlich ausgestreckt, das Kreuz gerade, die Knie nach außen gestreckt, so dass sich mit den nach innen gekehrten Fußspitzen etwas Trapezartiges sehen lässt.

Nach der Pause, im zweiten Teil dieses Abends, ist die monochrome Blau-Fläche ersetzt durch ein riesenhaft-schwerfällig gewölbtes bleigraues Ding aus durchscheinenden Rippen oder Zellen. Hinter diesem Etwas klafft rechts vorn ein ziemlich dunkles Hinten. Wie die Bühnenbilder und Lichtsituationen – dort Robert Wierzels Klar-Raum bei „D-Man“, hier Dietmar Janecks metallische Düsternis – unterscheiden und verbinden sich die beiden Programmhälften.

Dramaturgisch klug gedacht, der neuen Kreation des Oldenburger Hauschoreographen Antoine Jully über die vollvernetzte, globalisierte und digitalisierte „Generation Y“, eine Arbeit voranzustellen, die in der Vorgängergeneration, der „Generation X“ aufgehoben ist. Wenn auch an deren Ausläufern, für die der schiere Schrecken des HIV-bedingten Dahinsterbens einer beträchtlichen Zahl von Akteuren auch der Kultur-Szenerie in den westlichen Metropolen steht. In diesem Sinne hat „D-Man in the Waters“ etwas von historischer Aufführungspraxis.

Interessanterweise angelehnt an die bald 60 Jahre alte 5. Symphonie des britischen Komponisten Malcolm Arnold, konzentriert sich Jully voll auf die Gegenwart. Bereits das Stimmen der Instrumente, der klangliche Abgleich der Instrumentengruppen weit vor dem ersten Takt, wird auf der Bühne gespiegelt. In trippelndem Schritt oder angedeuteter Pirouette. Überdeutlich, das: „ Es geht ja um das Einzelne“, das erst nach der Einordnung in den orchestralen Gesamtklang, seinen Sinn erhält. Oder will der gleichsam vorgezogene Beginn der Choreographie Jullys gerade andersherum sagen: Auch das gehört dazu, ist ästhetisch goutier- und benutzbar? Mit dem alten Arnold hat sich Jully ein Stück irgendwie typisch britischer eigenwilliger Altmodisch-Moderne geschnappt, hübsch energisch intoniert vom Staatsorchester unter der Leitung Elias Corrinths.

Ästhetisch setzt Jully seine bisherige Oldenburger Arbeit mit „Generation Y“ konsequent fort. Kunstvoll in einander verlagerte Bewegungsabläufe. Viel fließend Elegantes in den Duo- und Trio-Parts. Enormer Kraftaufwand in den Lauf- und Sprung-Sequenzen wie zum kraftvollen Beginn des zweiten Arnold-Satzes. Dazwischen poetische Einzelfiguren wie ein breitbeinig getrippelter, hochspannender Dialog mit einem Fagott-Solo. Schließlich souverän die vierfach gedoppelte gleitende Tanz-Entsprechung zur jubilierenden Schlussakkordfolge in Streichern und Bläsern. Schön. Ja. Aber eben wieder auch ein bisschen harmlos.

Nächste Termine: 10. und 18. März, 2. und 29. April, 19.30 Uhr, Staatstheater Oldenburg.

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