Fotografien von Alice Springs in der Kestnergesellschaft Hannover

Posen der Prominenz

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Starke Frauen im Fokus: Alice Springs fotografierte Brigitte Nielsen mit Nachwuchs 1990 in Beverly Hills. ·

Hannover - Von Jörg WoratAlice Springs? Ist das nicht eine Stadt in Zentralaustralien? Doch, schon. Es ist aber auch das Pseudonym einer sehr speziellen Fotografin – und deren Werk stellt die Kestnergesellschaft in einer repräsentativen Ausstellung vor.

Die Schau heißt „People“, umfasst rund 150 Aufnahmen von den 70er bis zu den 90er Jahren, und bei den „Leuten“, die hier abgelichtet sind, handelt es sich größtenteils um Berühmtheiten, von Yves St. Laurent über Niki de Saint Phalle bis zu Sting.

Dass die 1923 in Melbourne als June Browne geborene Dame, die heute in Monte Carlo lebt, einen Künstlernamen wählte, ist wenig überraschend. Denn wer möchte schon als „die Ehefrau von Helmut Newton“ in die Geschichte eingehen? Zumal sich der Stil von Alice Springs – das Pseudonym soll übrigens durch blindes Tippen auf eine Karte des Heimatlandes zustande gekommen sein – grundsätzlich von demjenigen des 2004 verstorbenen Starfotografen unterscheidet: „Während er seine Aufnahmen bis ins Detail durchinszeniert hat“, erläutert Ausstellungskuratorin Antonia Lotz, „spielt bei ihren Bildern die Spontaneität eine viel größere Rolle. Alice Springs hat die Menschen gern gleich an den Orten ihrer Begegnung fotografiert. Und es ist immer eine Spezialität von ihr gewesen, genau den Moment zwischen Pose und Auflösung zu erwischen.“

In der Tat wirken die Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die es in drei Standardgrößen von 60 x 40 bis 120 x 80 Zentimetern gibt, auffallend unprätentiös. Bei dem 1977 aufgenommenen berühmten Fotografenkollegen Robert Mapplethorpe steht der souveräne Gesichtausdruck in seltsamem Kontrast zur etwas unbeholfenen Arm- und Beinstellung. Der Maler Gerhard Richter schaut zehn Jahre später zwar recht selbstbewusst in die Kamera, erweckt aber keineswegs den Anschein, dass er zum teuersten lebenden Künstler Deutschlands avancieren würde. Und Niki de Saint Phalle, 1983 in Frankreich abgelichtet, begegnet uns mit fragendem Blick, die Hände um einen Bettpfosten gelegt. Dabei haben all diese Aufnahmen nichts Entlarvend-Bösartiges an sich, wie beispielsweise manche Prominentenfotos von Andy Warhol, sondern holen die Stars auf eine sehr selbstverständliche Art vom Himmel auf den Boden der Normalsterblichen zurück. Offensichtlich setzen die Porträtierten Vertrauen in die Fotografin, und Antonia Lotz sieht dies nicht zuletzt in der Vergangenheit von Alice Springs begründet: „Als gelernte Theaterschauspielerin verfügt sie über ein große Beobachtungsgabe und ein entsprechendes Einfühlungsvermögen.“

Ihre Karriere begann 1971 durch einen Zufall. Helmut Newton sollte einen Werbeauftrag für die Zigarettenmarke „Gitanes“ übernehmen, lag aber mit Grippe krank darnieder. Also unterwies er kurzerhand die Gattin im Gebrauch der Kamera, und die Ergebnisse der Debütantin konnten sich sehen lassen – Aufträge für renommierte Modemagazine ließen nicht lange auf sich warten. Die Ausstellung in der Kestnergesellschaft dokumentiert auch diese Zeit, unter anderem mit einer berühmten Aufnahme von 1971: Eine junge Dame auf der Straße schaut mit zugleich kokettem und leicht indigniertem Blick über die Schulter nach hinten, wobei der verschobene Minirock einen Gutteil ihres Pos freilegt.

Im weitern Verlauf machte sich Alice Springs einen Namen als Porträtfotografin. Sie bekam Künstler wie David Hockney oder Roy Lichtenstein vor die Linse, lichtete Modemacher Karl Lagerfeld ab und nahm die starken Frauen aufs Korn, etwa Brigitte Nielsen, die in der Ausstellung auf einem Foto zusammen mit ihrem kleinen Sohn zu sehen ist. Zwei ungewöhnliche Fotoserien runden die Präsentation ab: 1980 fotografierte Alice Springs die Hell’s Angels, 1992 das Monte Carlo Ballett, und in beiden Fällen bedienen die Aufnahmen nicht die gängigen Klischees – die Rocker wirken kaum wirklich furchterregend und die abseits der Bühne abgelichteten Tänzer wenig glamourös.

Die Ausstellung läuft bis zum 5. Februar 2012. Dienstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr. Silvester 11 bis 14 Uhr, Neujahr 11 bis 18 Uhr. Eintritt 7 Euro.

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