Die Hamburger Kunsthalle widmet R.B. Kitaj eine große Retrospektive

Politische Figürlichkeit

Collagist mit Anspielungen an politische Geschichte und Gegenwart, mit Zitaten aus Kunst und Literatur: Ronald B. Kitajs Bild „Juan de la Cruz“ entstand im Jahr 1967. ·
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Collagist mit Anspielungen an politische Geschichte und Gegenwart, mit Zitaten aus Kunst und Literatur: Ronald B. Kitajs Bild „Juan de la Cruz“ entstand im Jahr 1967.

Hamburg - Von Wilfried Dürkoop. Die Hamburger Kunsthalle widmet Ronald B. Kitaj (1932 – 2007) eine umfassende Retrospektive und zeigt gut 100 Ölbilder, Pastelle und Zeichnungen des Meisters romanartiger Kunst.

Im Mittelpunkt von Kitajs Werk steht eine Gestalt, mit der er sich identifizierte: Ahasver, der ewige Jude auf Wanderschaft, das Symbol der Diaspora. Als leidenschaftlicher Büchersammler fand Kitaj seine Themen, die er prismatisch gebrochen in neue Zusammenhänge stellte, in der Kunstgeschichte, in der Literatur und im Film.

Geboren wurde Ronald B. Kitaj 1932 als Ronald Brooks-Benway nahe Cleveland/Ohio. Seine Mutter stammte aus einer russisch-jüdischen Emigrantenfamilie. Sein Vater, ein Ungar, verließ die Familie kurz nach Kitajs Geburt. Die Mutter ließ sich scheiden und heiratete 1941 Walter Kitaj, einen emigrierten Wiener Arzt jüdischer Herkunft, dessen Namen der Jugendliche annahm. Nach Jahren als Seemann – Kitaj befuhr die Karibik, Mittel- und Südamerika – und Studien bei Fritz Wotruba und Albert Paris Gütersloh in Wien absolvierte Kitaj seinen Militärdienst in Darmstadt und als Zeichner in Fontainebleau bei Paris. Ein Stipendium ermöglichte ihm das Studium an der „Ruskin School of Drawing“ in Oxford. Dort wuchs Kitajs Interesse an der vom Kreis um Aby Warburg praktizierten Kunstgeschichte. Warburg hatte in seinem „Mnemosyneatlas“ versucht, das Nachleben antiker Bildformen in der europäischen Kultur nachzu weisen und verwandte Bildmotive aus verschiedenen Epochen und Kulturkreisen zusammengestellt. Von Oxford nach London gewechselt, führte die Freundschaft Kitajs mit David Hockney zu einer gemeinsam proklamierten „Wiederkehr des Figürlichen“ und zur Propagierung des „live drawing“, die später als „School of London“ in die Kunstgeschichte einging.

Jedes Gemälde Kitajs ist vielschichtig, aufgeladen mit Symbolen, Metaphern und Geschichten. In dem Gemälde „Boys and Girls“ verbindet er das Bild aus einem deutschen Nudistenmagazin der Nachkriegszeit mit halbabstrakten Landschaften der amerikanischen Pop Art und Bildern aus einem NS-Propagandafilm. „The Autumn of Central Paris (After Walter Benjamin)“ ist die Collage einer Caféhausszene der letzten Vorkriegstage mit dem Abriss der alten Markthallen und damit der Vertreibung der Arbeiter aus dem Pariser Stadtzentrum in den 1970er Jahren. Ein bemerkenswertes Beispiel für das Zusammenspiel von Kunstgeschichte und realer Geschichte zeigt das Gemälde „If Not, Not“, in dem Kitaj die flammenden Phantasmagorien Bruegels mit dem Wachhaustor in Auschwitz collagiert.

Wie ein roter Faden zieht sich das „Überall-fremd-sein“ durch sein Werk. „The Jew Etc.“ betitelte Kitaj die Kohlezeichnung, die einen Reisenden in einem Zugabteil zeigt. Der Mann, der die linke Hand ans Kinn gelegt hat und aus dem Fenster blickt, wirkt angespannt. Es scheint sich nicht um eine Reise zu handeln, sondern um ein Entrinnen. Eine ungemalte Stelle verleiht diesem Bild seine Anziehungskraft: die Sitzlehne fehlt. Dieses Detail weist hin auf das Prekäre der Zugfahrt, auf Falle und Flucht.

Leben und Kunst Kitajs sind eng verbunden. Seine Malerei und seine Zeichnungen sind beladen mit Kultur- und Geistesgeschichte, mit Literatur, Politik und Ereignissen aus seinem Leben. Er begleitete seine Werke mit Bildlegenden, Interpretationen und Essays. 1994, anlässlich einer Ausstellung in der Londoner Tate Gallery, verrissen ihn Kritiker großer englischer Zeitungen. Sie warfen ihm seine gelehrten Anspielungen und literarischen Neigungen vor, meinten, er zitiere aus Werken großer Künstler der Vergangenheit. Als kurz nach der Ausstellung Kitajs Frau, die Malerin Sandra Fisher starb, machte er die Kritiker für ihren Tod verantwortlich und malte sich seine Wut auf sie mit „The Killer-Critic Assassinated by his Widower. Ever“ vom Leib. Er bezog sich dabei auf Manets „Erschießung Kaiser Maximilians von Mexiko“ und Bilder Goyas und Picassos.

1997 siedelte Kitaj nach vierzig Jahren in England nach Los Angeles um. Im Kunstbetrieb spielte er dort nur eine geringe Rolle. An Parkinson erkrankt wählte er 2007 den Freitod.

Ronald B. Kitaj besetzt einen gesicherten Rang in der Kunstgeschichte. Er hatte in großen Galerien ausgestellt, an der Documenta 3 teilgenommen und wurde auf der Biennale in Venedig mit dem Goldenen Löwen geehrt. Für sein Werk ist keine Kategorie zu finden. Das ist ein Vorteil für den Betrachter, der eintauchen kann in ein offenes künstlerisches Universum.

Hamburger Kunsthalle.

Bis 27. Oktober. Di-So 10-17.30 Uhr, Do 10-20.30 Uhr. Eintritt: 12 Euro. Katalog,

Kerber, im Museum 34 Euro.

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