Schauspiel Hannover zeigt „Die Politiker“

Politiker: Vertraut, aber schwer fassbar

Kein großer Wurf: „Die Politiker“ mit Bernhard Conrad.
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Kein großer Wurf: „Die Politiker“ mit Bernhard Conrad.

Hannover – Das kennen wir wohl alle: Wird ein Begriff nur oft genug wiederholt, verliert er irgendwann jegliche Bedeutung. Zusätzliche Dimensionen erreicht dieses Phänomen, wenn es um Worte geht, die zwar vertraut, aber gleichzeitig schwer fassbar sind. „Die Politiker“ ist ein solcher Begriff, und so heißt ein „Sprechtext“ von Wolfram Lotz, den das hannoversche Staatstheater jetzt für die Bühne eingerichtet hat. Die Premiere lief im Schauspielhaus.

Mit hohen Erwartungen. Lotz, 2015 zum „Dramatiker des Jahres“ gewählt, ist ein sehr angesagter Autor, und Darsteller Bernhard Conrad, Mitglied des hannoverschen Ensembles, hat gerade den „Deutschen Schauspielpreis“ in der Kategorie „Beste männliche Hauptrolle“ für seine Verkörperung einer Doppelrolle im Film „Kahlschlag“ gewonnen.

Die Zuschauer werden noch auf ihre Plätze geleitet, was in Corona-Zeiten nicht so schnell geht, da legen Conrad und seine Mitstreiterin Bärbel Schwarz bereits los und erzählen schlechte Witze. Sie wissen, dass die Witze schlecht sind, und natürlich wissen sie auch, dass schlechte Witze eigentlich nicht besser werden, wenn man sie mehrmals erzählt. Schließlich wissen sie, dass Schlechtes in der Dauerberieselung schon wieder gut werden kann, und so hat dieser Einstieg durchaus eine gewisse Logik.

Aber dann geht‘s richtig zur Sache. Wer sind sie denn nun, „die Politiker“? Offenbar sind sie so mancherlei, und die Definitionen im Text pendeln zwischen banal, brachial und surreal. „Die Politiker mögen kleine Katzen“, erfährt man etwa. Oder: „Die Politiker fahren Auto.“ Oder: „Die Politiker stolpern über Dinge, die herumstehen in der Ewigkeit.“ Im Gegenschnitt kommt auch der Autor selbst ins Spiel, hadert mit sich, mit seiner Vergangenheit, mit seiner Verlorenheit. Und mit den Politikern: „Die Politiker schwänzen die Arbeit“, heißt es dann etwa, und dergleichen soll ja tatsächlich schon vorgekommen sein, während die anschließende Behauptung schon abenteuerlicher klingt: „Und zocken Playstation bei Saturn.“

Ab und an tauchen Reizworte wie „Sozialneid“ oder „Adolf Hitler“ auf, und lyrische Anklänge kippen zuweilen in eine Art Rap-Ästhetik: „Die Politiker schrizzlen und wizzlen / könnt ihr sie denn nicht hizzlen?“ Bernhard Conrad scheint die Wanderung durch die Artikulationsmöglichkeiten einigen Spaß zu machen, während Bärbel Schwarz mal jodelt, mal Gitarre, Klavier oder Schlagzeug spielt. Die größte Überraschung aber ist, dass ihre Sprachpassagen unter dem Strich schlüssiger ausfallen als diejenigen des Kollegen.

Wirklich mutig wäre eine absolut reduzierte Umsetzung des Textes gewesen. Doch ganz ohne Effekte wollte Regisseurin Marie Bues die Sache doch nicht über die Bühne gehen lassen. So gibt es allerlei technischen Spielereien mit Stimmverfremdungen, und irgendwann macht sich Conrad nackig, was auch dann nicht funktionieren würde, wenn es ironisch gemeint wäre. Am Schluss schleppt der Darsteller etliche Benzinkanister herbei und zückt das Feuerzeug – fackelt aber das Theater letztlich doch nicht ab.

Fazit: Verschenkte Zeit sind diese knapp 80 pausenlosen Minuten sicherlich nicht. Aber auch kein ganz großer Wurf.

Sehen

Heute, Mittwoch, 28. Oktober, & Donnerstag, 5. November, jeweils 19.30 Uhr, Schauspielhaus Hannover.

Von Jörg Worat

Brachial: Bärbel Schwarz.

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