Pogo zum Geigensolo

Rap-Duo Zugezogen Maskulin mischt den Tower in Bremen auf

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Ein bisschen wie politisches Kabarett in gut: Zugezogen Maskulin.

Bremen - Von Gareth Joswig. Uwe und Heiko sind mit dem Zug nach Bremen gekommen, um sich das Konzert von Zugezogen Maskulin anzuschauen. Sie kommen aus der niedersächsischen Provinz und sind die Protagonisten in einem Song von Zugezogen Maskulin. Wenn sie nicht hier aufs Konzert gehen, feiern sie Scheunenfeten mit Grünkohlromantik oder fressen einen Aal.

Grim 104, der heute auf der Bühne steht, stammt aus demselben Kaff, hielt es dort nicht aus und kommt trotz seines Umzugs in die große Stadt nicht über seine Dorfjugend hinweg. Denn auch in Berlin bleibt er für immer zugezogen. Darf und will nicht bei den einheimischen Kindern mitspielen, die Pullover tragen, auf denen „Du bist kein Berliner“ steht, Influencer sind, Craft Beer trinken und selbsgemachte Burger fressen.

Das zweite Album „Alle gegen Alle“ von Zugezogen Maskulin (ZM) war eines der besten Rap-Alben des vergangenen Jahres. Wer den ganzen Cloud-Rap-Quatsch nicht mag oder die als Deutsch-Rap-Künstler des Jahres gepriesenen Rin und Trettmann nicht „feiert“, landet zwangsläufig bei ZM. 

Große Themen in den Texten

Sie verschonen ihre Hörer weitgehend mit Autotune, haben basslastige Beats zwischen Trap, Hip-Hop und perfekt ausproduziertem Pop, die nicht nur die außerordentlich guten Texte von Grim 104 und Testo transportieren, sondern gleichzeitig Zeugnis der stimmigen Produktionen des Beatbauers Silkersoft sind. Lyrisch arbeiten sich Grim und Testo an den großen Themen ab: Das eitle digitale Ich im Widerspruch zum irgendwie linken Selbst, der ausbleibende Aufstand, die Beschissenheit der Dinge im Rechtsruck.

Ein ZM-Konzert ist ein bisschen wie politisches Kabarett in gut. Die überwiegend jungen Konzertbesucher lassen sich ihren Lebenswandel um die Ohren hauen – und bezahlen sogar dafür. Werden abgeholt, wo auch die Grim und Testo stehen, die sich selbst bei ihren umfassenden Hasstiraden nicht ausnehmen. Sie rappen gegen Instagram-Fassaden und das selbstoptimierte Schein-Ich, das so lange seinen Körper quält, bis das Selfie sitzt. Gerade weil diese Eitelkeit gar nicht zu den eigenen Idealen passt, man sich selbst eher unangepasst oder gar links verortet.

„Fat Shamer“ rausgeschmissen

Aber wie soll man den Kapitalismus abschaffen ohne schöne Tätowierungen? Nebenwidersprüche, wohin man schaut. Das kann natürlich aggressiv machen: auf Deutschrap, Doppelprivilegien, AfD-Wähler, innerlinke Debatten über kulturelle Aneignung und Rastalocken – und natürlich auf Uwe und Heiko. Funktionieren tut das super. Konsequente Aggression war schon immer die einfachste und beste Emotion für Rapmusik.

Grim schreit ins Publikum: „Wo sind die progressiven ZM-Fans?“ Einige sind wohl da und kreischen aufgekratzt. Kurz zuvor haben Testo und Grim ihre Show unterbrochen, um einen „Fat Shamer“ rauszuschmeißen. Ihr DJ Kenji415 hatte gesehen, wie jemand eine übergewichtige Person diskriminiert. Das passe nicht zum „Body-Positivism“ von ZM. Der „Fat Shamer“ soll kollektiv vertrieben werden. Mit einhändigem Applaus auf die untrainierte Plautze – ganz so, wie Grim und Testo es auf der Bühne vormachen.

Champagner, Schweiß und Spucke mischen sich

Natürlich ist die Frage eine Falle: Den „progressiven ZM-Fans“ haut Grim umgehend ein „Ihr wollt doch auch nur jemandem den Kopf einschlagen!“ um die Ohren und guckt dabei irre. Danach wird nur noch mitgebrüllt, nicht nur das folgende „Ich bin ein Tier“, sondern jedes Lied: „Vatermörder“, „Alle gegen Alle“ oder „Stirb!“. Wer jetzt noch für Instagram-Stories filmt, bekommt das Smartphone aus der Hand gehauen von einem Pogo-Mob, dem man sich im vollgestopften Tower kaum entziehen kann.

Zum Ende gibt es dann „Endlich wieder Krieg“. Testo und Grim schießen mit einer Champagnerpistole in die schwitzende Masse. Die Fans vor der Bühne reißen ihre Münder auf. Champagner, Schweiß und Spucke mischen sich, im Tower riecht es ein wenig nach Furz und Festivalgelände. DJ Kenji415 spielt auf einmal Geige – Beats und fette Bässe verstummen. Damit hatten Uwe und Heiko wirklich nicht gerechnet. Und erst recht nicht damit, dass man zu einem Geigensolo sogar Pogo tanzen kann.

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