Poesie und Widerstand

Konstantin Wecker begeistert in der ausverkauften Music Hall Worpswede

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Gibt dem Publikum Zuversichtlichkeit, Wärme und die Aufforderung zur Mitmenschlichkeit mit: Der Musiker Konstantin Wecker.

Worpswede - Von Frank Schümann. Kurz nach 20 Uhr betritt Konstantin Wecker die Bühne der Worpswede Music Hall, um zehn Minuten später zu verkünden: „Jetzt haben wir in den ersten zehn Minuten alles klargestellt“ – nun könne man sich auf einen poetischen Abend freuen. In der Tat scheint es in diesen ersten Minuten so, als wolle Wecker auch in Worpswede nicht den Hauch eines Zweifels daran lassen, dass er politisch am Ball bleibt – wenige Tage nach dem Anschlag in Halle hätte sich auch niemand, der sich jemals mit dem bayrischen Sänger auseinandergesetzt hat, etwas anderes vorstellen können.

So ist es wieder einmal der Song „Willy“, jene schon 1977 geschriebene Ballade an einen von Rechtsradikalen erschlagenen Freund, der schon ganz am Anfang in einer aktualisierten Fassung die klaren Statements setzt – damals, 1968, habe man hauptsächlich die alten Nazis aufspüren wollen, sagt Wecker in diesem Song zu seinem Willy, der im richtigen Leben übrigens Dieter heißt und den Anschlag überlebt hat. Und heute: „Heut rücken die neuen Nazis ins Parlament und erklären, die unmenschlichste Epoche der Menschheitsgeschichte sei ein Vogelschiss in Anbetracht der tausendjährigen erfolgreichen Geschichte des deutschen Volkes. Da sind dem Herrn Gauland wohl die Wahnvorstellungen seines Führers untergekommen.“ Und weiter: „Es wird Zeit, dass wir dafür sorgen, dass die braune Brühe nicht noch weitere Landstriche überschwemmt.“ Und er macht auch Hoffnung: „Die mit dem Herzen denken sind, da bin ich mir sicher, immer noch in der Überzahl.“

Wecker bekommt Riesenapplaus, der im Laufe des (mit Pause) fast dreistündigen Abends immer wieder in der ausverkauften Music Hall aufbrandet. Am Ende erhält er nach jedem Zugabenblock Standing Ovations – und das völlig zurecht.

Denn den mittlerweile 72-Jährigen auf seine bewundernswert klare Haltung zu reduzieren, würde ihm in keinerlei Hinsicht gerecht werden. Gemeinsam mit Jo Barnikel als zweitem, ausgezeichneten Pianisten offeriert Wecker seinem Publikum unter dem Motto „Poesie und Widerstand“ einen Abend, der bewegend, mal laut, mal leise, mal fast komödiantisch, kurzum: ungeheuer intensiv und zugleich unterhaltsam ist – das mache ihm erst einmal einer nach.

Wecker ist Wucht, Wecker ist Leidenschaft, Wecker ist Kampfgeist; aber er ist auch Sensibilität, er ist Zärtlichkeit, er ist Emotionalität pur. Das war schon vor 25 Jahren so, das ist heute so. Aber: Es scheint, als hätten sich die Schwerpunkte ein kleines bisschen verlagert im Laufe der Jahrzehnte. Die Selbstironie bekommt mehr Raum, immer wieder ist auch Demut zu spüren und der große Respekt vor den Mitmenschen, von denen ihn einige bereits verlassen haben. Zu den berührendsten Momenten des Abends gehört ein Lied über seinen verstorbenen Vater („Für meinen Vater“), auch dem Physiker Hans-Peter Dürr hat er ein Stück gewidmet („Gefrorenes Licht“). Formal singt Wecker viele Songs seiner letzten Alben, aber auch Klassiker wie „Liebeslied“, „Was passierte in den Jahren“ oder „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“. „Genug ist nicht genug“ ist dieses Mal nicht dabei, was wohl auch dem Umstand des zunehmenden Alterns geschuldet ist – ein Thema übrigens, das an diesem Abend, dem zweiten nacheinander in der tollen Worpsweder Location, viel Raum bekommt; nicht nur in den Liedern, auch in den vielen Gedichten, die er vorträgt, und die dem Konzert eine bisweilen fast intime Note geben. Das eingangs gegebene „Versprechen“, nach dem Einstieg überwiegend poetisch zu sein, hält er im Übrigen (zum Glück) nur halbherzig ein: Seine Haltung ist nun mal immer auch eine politische – und die mündet unter anderem im lauthals mitgesungenen „Sage nein“, mit der er sein Publikum zur Zivilcourage auffordert.

Damals, sagte er einmal in einem Interview, habe er in den Konzerten viel Lebenshilfe gegeben; heute sind es vor allem Zuversichtlichkeit, Wärme und die Aufforderung zur Mitmenschlichkeit, die er seinem Publikum mitgibt – inklusive der damit verbundenen Reibung. Mehr geht bei einem Konzert kaum.

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