Theaterintendant Hans-Joachim Frey über die Krise seines Hauses und den Fluchtinstinkt einstiger Mitstreiter

„Plötzlich ist keiner mehr da“

BREMEN (Eig. Ber.) n Nein, er sei kein Freund von Boxhandschuhen, eher von Kamingesprächen. Mit diesen Worten kommentierte der Generalintendant am Theater Bremen, Hans-Joachim Frey, bei seiner Amtsübernahme den Rat seines Vorgängers. Klaus Pierwoß hatte ihm für den Umgang mit Politikern den einen oder anderen gepflegten Aufwärtshaken empfohlen. Doch Frey setzte lieber auf vertrauliches Miteinander.

Seit dem Desaster der Musical-Produktion „Marie Antoinette“ ist die Harmonie nun dahin. Fehlbeträge in Millionenhöhe, Liquiditätsengpässe, Schuldzuweisungen: Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt Hans-Joachim Frey, wie das Theater erneut in eine Krise geraten konnte.

?Herr Frey, noch vor wenigen Wochen haben Sie die Geschlossenheit von Politik und Theaterleitung betont. Jetzt spricht Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz (SPD) davon, dass es Zeit sei, „in der Realität anzukommen“, der Aufsichtsrat hat Ihnen sogar eine Rüge erteilt.

!Das wäre mir neu. Bürgermeister Jens Böhrnsen hat in der Deputationssitzung mitgeteilt, dass er im Aufsichtsrat der gesamten Geschäftsführung eine Rüge erteilt habe. Mir wurde zudem in der Deputation das Vertrauen ausgesprochen.

?Das hört sich aber bei der Kulturstaatsrätin anders an. Zur Zukunft des Intendanten mochte sie zuletzt jedenfalls nicht mehr sagen, als dass diese Frage „in der Hand einer anderen Dramaturgie“ liege.

!Mein Vertrag läuft noch weitere drei Jahre, die Politik weiß, dass sie mit mir auskommen muss. Das Problem ist doch Folgendes: Als ich vor zwei Jahren geholt wurde, zählte es zu meinem Auftrag, Risikoprojekte wie „Marie Antoinette“ in der Stadt zu installieren. Das steht zu großen Teilen sogar in meinem Arbeitsvertrag.

?Können Sie das konkretisieren?

!Ziel war, die Marke Theater Bremen aus der Krise zu führen und langfristig zu festigen. Ich sollte in Marketing-Maßnahmen investieren, um neues Publikum zu gewinnen. Zusätzlich sollte ich Projekte kreieren, die sich an eine breite Bevölkerung wenden – sogenannte Risikoprojekte. Mein erster Schritt war hier die Seebühne an der Waterfront, die sich schnell sehr erfolgreich entwickelt hat. Ein weiteres war die Bespielung des Musicaltheaters, womit ich auch eine politische Bitte erfüllte…

?…weil der Leerstand des Hauses die Stadt teuer zu stehen kommt.

!Richtig. Deshalb waren auch alle von Anfang an dabei: Bremen Marketing, Bremen Touristik, die Hanseatische Veranstaltungs-Gmbh (HVG), der Wirtschaftssenator, die Handelskammer. Jetzt, wo manches nicht nach Plan gelaufen ist, beginnen viele Beteiligte, sich zu distanzieren. Der Erfolg hat eben immer viele Väter, der Misserfolg nur einen. Im Fall „Marie Antoinette“ kann ich damit umgehen: Ich stehe zu meiner Verantwortung und habe insbesondere gegenüber meinen Mitarbeitern ein schlechtes Gewissen, weil ich Ihnen etwas zugemutet habe, was nicht zu dem erwünschten Ergebnis geführt hat.

?Wenn es stimmt, dass ein Risikoprojekt wie „Marie Antoinette“ zu den Voraussetzungen Ihres Engagements zählte, dann hat die Stadt einen steuerfinanzierten Kulturbetrieb ins unternehmerische Risiko gezwungen. War Ihnen die Brisanz dieser Forderung gar nicht bewusst?

!Diese Brisanz war mir so nicht bewusst. Es kamen aber auch zwei Komponenten hinzu. Zum einen handelte es sich bei „Marie Antoinette“ um ein Vorhaben, das es in dieser Art noch nie zuvor am Theater Bremen gegeben hat. Wir hatten mit Produktionen dieser Größenordnung keine Erfahrung, weshalb die Kosten gestiegen sind. Zum anderen wurden bald Probleme des Standorts Bremen offenkundig. Und um diese Probleme müsste sich die gegenwärtige Diskussion eigentlich drehen: Funktioniert dieses Musicaltheater überhaupt? Warum ist es jetzt für vier Monate geschlossen? Wie steht es um den Touristik-Standort Bremen?

?Was ist Ihre Antwort auf die Fragen?

!Niemand stellt infrage, dass wir ein tolles Produkt auf den Markt gebracht haben. Jeder hat den enormen Marketing-Aufwand bemerkt. Wenn ein solches Projekt dennoch nicht funktioniert, ist der Intendant vielleicht der Schuldige. Das beantwortet aber nicht die Fragen nach den Gründen.

?Also?

!Man sollte überprüfen, ob Bremen als Musical-Standort oder als Touristenort so funktioniert – das gilt im Speziellen für das Musicaltheater.

?Die Politik wirft Ihnen vor, erhebliche Kostensteigerungen dem Aufsichtsrat verspätet mitgeteilt zu haben.

!Wir haben 380 000 Euro mehr ausgegeben, die nicht gedeckt waren. Die übrigen Kostensteigerungen haben wir durch zusätzliche Sponsoren abdecken können. Als sich im späten Herbst vergangenen Jahres der finanzielle Mehrbedarf abzeichnete, haben alle Beteiligten gemeinsam entschieden, diesen Betrag durch eine verbesserte Einnahmesituation abzufangen.

?Im Herbst? Das wäre doch mehr als rechtzeitig gewesen.

!Die Kosten, die wir dem Aufsichtsrat verspätet mitgeteilt haben, waren deutlich geringer.

?Sie haben gegenüber der Deputation eingeräumt, den Marketing-Etat überrissen zu haben. Bemerkenswert war die Begründung für diesen Vorgang. So habe eine wesentliche Zielsetzung Ihres Engagements in der Generierung von Publikum bestanden. Dieses sei ohne Marketing nicht möglich – ein Posten sei hierfür im Notlagentarifvertrag aber gar nicht vorgesehen. Wie um alles in der Welt konnten Sie einen solchen Arbeitsvertrag unterschreiben?

!Der Notlagentarifvertrag wurde ein Jahr vor meinem Amtsantritt unterschrieben. Er garantierte den Mitarbeitern Bestandsschutz bis 2013. Im Gegenzug verzichteten sie auf Gehaltszahlungen. Diese kamen allerdings in erster Linie dem Haushalt meines Vorgängers zugute. In der Amtszeit von Klaus Pierwoß haben die Mitarbeiter zwei Mal auf ihr Weihnachtsgeld verzichtet, in meiner Amtszeit nur noch auf jeweils ein Drittel dieses Betrags. Für die Arbeitnehmer ist das natürlich sehr viel, auf den Gesamtetat wirkt sich das aber nur marginal aus.

?Und das Marketing?

!Dieser Posten fehlte ganz, ebenso wie ein Etat für Abfindungen in Zusammenhang mit dem Intendantenwechsel. Mir wurde immer nur gesagt, dass das alles schon funktionieren wird.

?Nochmal: Wie konnten Sie so etwas unterschreiben?

!Ich war zu unerfahren und habe mich einfach auf die Aussagen aller Beteiligten verlassen. Kulturbehörde, Finanzbehörde, Wirtschaftsressort, Kaufmännische Geschäftsführung des Theaters – alle sagten: Dieses Paket ist so umsetzbar.

?Wird es noch einmal ein Projekt wie „Marie Antoinette“ geben?

!Nur wenn das Theater nicht das Risiko trägt. Die Lust an Projekten dieser Art ist mir vergangen. Sie müssen sich das wie einen Hundertmeterlauf vorstellen. 90 Meter lang schieben mich alle Beteiligten Richtung Ziellinie und rufen: „Du bist unser Mann, wir halten zu dir.“ Und zehn Meter vor dem Ende wird es hinter mir plötzlich ganz still: Keiner ist mehr da. Ich betrachte das Ganze mit Interesse, aber auch mit Gelassenheit. Meiner Reputation auf dem Theatermarkt hat es den Anfragen nach zu urteilen nicht geschadet.

?Sie werden Bremen also verlassen.

!Ich habe einen Vertrag bis 2012 und bin sehr gerne in Bremen. Mir geht es um das Wohl und die Zukunft des Theater Bremen. Gleichzeitig werde ich im Sommerurlaub meine persönliche Zukunft in aller Ruhe ordnen.

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