Ein Kunstskandal in Berlin verhalf Edvard Munch 1892 zu erstem Ruhm – sein Durchbruch kam zehn Jahre später

Plötzlich im ganzen Reich bekannt

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Edvard Munch: „Selbstbildnis unter Frauenmaske“, 1893, Tempera auf Holz ·

Bremen - Von Wilfried DürkoopDie aktuelle Edvard-Munch-Ausstellung in der Bremer Kunsthalle hat bei Publikum wie Presse viel Zustimmung erfahren. Munchs erste Ausstellung in Deutschland hatte dagegen zunächst unter keinem guten Stern gestanden. Die Exposition in Berlin 1892 sorgte erst für einen Skandal – und später dennoch für den internationalen Durchbruch des norwegischen Künstlers.

Mit Blasmusik, Gepränge und Tamtam wurde die Ausstellung mit Werken Edvard Munchs im November 1892 eröffnet. Der Veranstalter, der Verein Berliner Künstler, hatte mit Empörung und Wutgelächter gerechnet, nicht aber, dass die Besucher das Ausstellungsbüro stürmten und das sofortige Abhängen der Bilder verlangten. Die Statuten allerdings standen dem entgegen und so wurde eine außerordentliche Vollversammlung einberufen, bei der dann die Schließung der Ausstellung nach nur fünf Tagen beschlossen wurde.

Dabei hatte alles gesittet begonnen. Der Verein hatte zur Wiedereröffnung des Ehrensaals des Architektenhauses in der Wilhelmstraße „Ibsensche Stimmungsbilder“ des „genialen norwegischen Malers Edvard Munch“ angekündigt. Der Maler Aldelsten Normann hatte in Kristiania eine Munch-Ausstellung gesehen und deren Übernahme für Berlin angeregt. Anton von Werner sogar, Repräsentationsmaler und unermüdlicher Gegner des Impressionismus und der Moderne, unterschrieb die Einladung.

Munch hängte seine Bilder selbst. Neben denen seiner impressionistischen Phase, etwa „Rue Lafayette“, waren darunter „Der Tag danach“, die Ansicht einer jungen Frau nach einer durchzechten Nacht und sein Lieblingsbild „Das kranke Kind“. Das löste nicht wegen seines Motivs Empörung aus, sondern wegen seiner Malweise. Munch hatte durch mehrmaliges Auftragen und Abkratzen der Farben versucht, körperliches Siechtum und das Verlöschen eines Menschen sichtbar zu machen.

In dem Skandal um Munch errangen zunächst weder die Konservativen noch die Aufmüpfigen einen Sieg. Zu einer Trennung, der Sezession, von Verein und einer Gruppe junger Künstler kam es erst sechs Jahre später. Lovis Corinth konstatierte: „Die Alten hatten einen Pyrrhussieg zu verzeichnen, indem sie das Ärgernis hinaus warfen. Die Jungen konnten ihren Hass gegen die Reaktion verstärken und sich in ein noch helleres Licht als Märtyrer der Kunst setzen. Edvard Munch hatte den allergrößten Vorteil: er war urplötzlich der berühmteste Mann im ganzen Deutschen Reich“.

Kaum ein anderes Kunstereignis der Kaiserzeit wurde in den Feuilletons so leidenschaftlich diskutiert wie der Fall Munch. Ein Teil der liberalen Presse ging noch weiter als die Künstler, die zwar gegen das Verhalten des Vereins protestiert, sich aber deutlich von Munchs Kunst distanziert hatten. Theodor Wolff, der spätere Chefredakteur des „Berliner Tageblatt“ schrieb einen flammenden Artikel nicht nur zur Verteidigung Munchs, sondern auch der künstlerischen Freiheit.

Leidenschaftliche Bewunderer seiner Kunst fand Munch in der Berliner Szene, bei den Literaten und Künstlern aus dem Kreis des „Schwarzen Ferkel“, jenem Stammlokal der Bohème, in dem sich neben Munch etwa August Strindberg, der schwedische Schriftsteller Ola Hansson, der Lyriker Richard Dehmel, der polnische Dichter Stanislaw Prybyszewski und der Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe trafen.

Przybyszewski veröffentlichte einen Artikel über Munchs Bilder, die er als radikalen Individualismus interpretierte. Seine Beschreibung der Munch schen Malweise, die „subtilste Seelenvorgänge unabhängig von jeder Gehirntätigkeit“ darstelle, kann als Vorwegnahme der Idee der surrealistischen Écriture Automatique“ gelten.

Die Schärfe der Auseinandersetzung im Kampf zwischen Tradition und Avantgarde wird deutlich, wenn man sich den Lebensstil der Aufmüpfigen vor Augen hält. Chronisten beschreiben die Glanzzeit des harten Kerns des „Schwarzen Ferkels“ als orgiastisch. Der Alkoholkonsum war exzessiv, man propagierte die freie Liebe sowie Umstürze in Kunst und Gesellschaft.

Munch blieb mit einigen Unterbrechungen bis 1896 in Berlin. Die Sammler und Galeristen, obwohl sie die Kunst der Moderne vertraten, wollten mit dem riskanten Künstler vorerst nicht ins Geschäft kommen. Von gelegentlichen Verkäufen abgesehen – so erwarb Walther Rathenau ein Bild – waren Munchs Einkünfte eher gering. Den künstlerischen Durchbrach brachte erst die Sezessionsausstellung von 1902. Paul Cassirer hatte sich als Sekretär der Berliner Sezession für eine Ausstellungsbeteiligung Munchs eingesetzt. Aus Protest dagegen erklärten 16 Mitglieder ihren Austritt. Der Sezession gereichte das zum Vorteil, wurde sie doch auf diese Weise Traditionalisten los. Zu einer weiteren Differenzierung der Moderne kam es 1910, als Expressionisten von der Jury der sezessionistischen Jahresausstellung abgewiesen wurden; sie gründeten unter der Führung Max Pechsteins schließlich die „Neue Sezession“.

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