„Platée“ mit Mut zur Pointe und einem Gespür für Rameaus Musik

Wie einst bei der Monroe

Zumindest die Frisur macht Platée (François-Nicolas Geslot , l.) keinen Ärger.
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Zumindest die Frisur macht Platée (François-Nicolas Geslot , l.) keinen Ärger.

Bremerhaven - Von Andreas Schnell. Dass der Mensch sich seine Götter nach seinen Bedürfnissen formt, steht zwar nicht in der Bibel, stimmt aber trotzdem nicht ganz. Die alten Römer immerhin blieben bei der Ausgestaltung ihrer Götterwelt zumindest einigermaßen realistisch. Der Chef, Jupiter, konnte sich, wie zu lesen ist, in allerlei Gestalten verwandeln, nicht zuletzt zur außerehelichen Kurzweil, war aber auch, wie seine Mitarbeiter, stets zu sehr menschlichen Scherzen aufgelegt.

So lässt er sich eines Tages von den Musen und Halbgöttern auf die Idee bringen, seine Gattin Juno zu foppen. Indem er vorgibt, die eingebildete, hässliche Wassernymphe Platäa heiraten zu wollen, will er die Zürnende von ihrer Eifersucht kurieren. Was natürlich für Platäa, die schon außer sich vor Freude ist, in die höchsten Kreise einzuheiraten, alles andere als ein Happy End bedeutet.

Hinrich Horstkotte hat die barocke Ballettoper „Platée“ von Jean-Philippe Rameau, die diesen Mythos aus der griechisch-römischen Mythenwelt erzählt, am ersten Weihnachtsfeiertag am Stadttheater Bremerhaven unter der musikalischen Leitung von Marc Niemann auf die Bühne gebracht. Platée lernen wir dabei schon früh kennen. Vor nächtlicher Kulisse tritt sie auf, im Abendkleid, das sich hoch aufbläht über einem Luftschlacht, wie einst bei Marilyn Monroe, mit der es ja auch kein gutes Ende nahm. Während im Hintergrund die Musen in schummrigem Kneipenambiente ihren bösen Plan ersinnen, sonnt sich Platée in eingebildeter Schönheit.

Das perfide Spiel lässt Horstkotte auf einer farbenfrohen, von barocken Vorbildern inspirierten Bühne spielen, auf der Bühnenbildner Martin Dolnik reichlich Lokalkolorit wie Windräder und reizende Kleinigkeiten wie durch den Hintergrund hüpfende Frösche eingearbeitet hat. Hier entfaltet das enorm spielfreudige Ensemble nun die Intrige, in tollen Kostümen (Horstkotte), die spielend zwischen Barock und Moderne flirren, mit viel Mut zur krachenden Pointe, aber auch erfreulich viel Gespür für die Musik Rameaus.

Einzelleistungen hervorzuheben, verbietet sich angesichts dieser Ensembleleistung beinahe. Marc Niemann führt die Bremerhavener Philharmoniker souverän durch die Partitur, das Bremerhavener Ballett, choreografiert von Tanzchef Sergei Vanaev, fügt seinen modernen Ballettstil nahtlos ins Regiekonzept ein, der Chor überzeugt gesanglich wie spielerisch. Leo Yeun-Ku Chu ist ein großartiger, zwischen Sonnenkönig und Las-Vegas-Elvis schillernder Jupiter, Flippo Bettoschi als Satyr und durchtriebener Chitaeron macht seine Sache wie immer gut, Tobias Haaks als Merkur, Manos Kia als Momus und Thomas Burger als Thespis bewähren sich ebenfalls tadellos, Katja Bördner ist eine furiose Juno, Carolin Löffler eine aufreizende Liebe.

Zwei Partien stachen gleichwohl hervor: Regine Sturm als personifizierte Verrücktheit glänzt nicht nur mit gesanglicher Intensität, sondern auch darstellerisch. Und ohne den Gast und Barock-Spezialisten François-Nicolas Geslot in der Titelrolle wäre dieser Abend nicht der, der er ist. Seiner Figur lässt der Haute-Contre neben den derben Komödientönen viel Zerbrechlichkeit angedeihen, die im Schlussbild kulminiert, dass Horstkotte der Originaloper angefügt hat, wo Platée mit dem Spott der Festgesellschaft zurückbleibt. In Bremerhaven darf sie das letzte Wort haben: Unsere unglückliche Nymphe besingt in der tieftraurigen Arie „Séjour de l'éternelle paix“ aus Rameaus Oper „Castor e Pollux“ das Ende ihres Weges, die Kulissen verschwinden, sie steht im Regen. Kein glückliches Ende für die Protagonistin, aber für das Publikum.

Die nächsten Vorstellungen: 8 und 21. Januar, 19.30 Uhr.

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