Dusan David Parízek inszeniert Christoph Heins Roman

„Trutz“ - ein Plädoyer wider das Vergessen

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Reife Leistung: Szene aus „Trutz“ mit den wandlungsfähigen Henning Hartmann (l.) und Sarah Franke.

Hannover - Von Jörg Worat. 140 Minuten Theater ohne Pause: Das klingt erst einmal nach einem mächtigen Brocken. Und ist doch, wie so vieles, relativ zu betrachten – immerhin geht es in Christoph Heins Roman „Trutz“ um nichts Geringeres als große Teile der deutsch-russischen Geschichte im 20. Jahrhundert. Im hannoverschen Schauspielhaus ist jetzt die Bühnenfassung angelaufen, eine Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen.

Bei so viel Aufarbeitung der Historie kann einem angst und bange werden, und zu Beginn scheinen sich die schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen. In trockenem Dozententon schwadroniert da jemand über den Hitler-Stalin-Pakt und legt von Zeit zu Zeit Folien auf einen Overhead-Projektor. Doch das lassen sich zwei vermeintliche Theaterbesucher nicht lange bieten: Der Vortrag sei fehlerbehaftet, meint einer in den vorderen Reihen, ein anderer, weiter hinten platziert, lässt sich weniger höflich mit einem markigen „Klugscheißer!“ vernehmen. Schließlich erklimmt das Duo die Bühne: Es stellt, zumindest zu diesem Zeitpunkt, Maykl Trutz und Rem Gejm dar, die beiden Hauptfiguren der Handlung.

Eine finstere Vergangenheit tritt zutage, sind doch die Eltern von Trutz und Gejm dem Räderwerk totalitärer Regimes zu Opfer gefallen. Der liberale Schriftsteller Rainer Trutz ist einst vor den Nationalsozialisten nach Russland geflohen, wo er indes im Zuge der willkürlichen stalinistischen „Säuberungen“ den Tod in einem Gulag findet. Mutter Gudrun geht in der Verbannung zugrunde, und auch Professor Waldemar Gejm stirbt entkräftet nach seiner unvermittelten Deportation.

Er hat zuvor sowohl seinen Sohn als auch Maykl Trutz in einer speziellen Mnemotechnik unterrichtet, die verhindert, dass Ereignisse aus dem Gedächtnis getilgt werden, selbst wenn sie lange zurückliegen. Und genau davon handelt der Stoff mit dem trutzigen Titel – es ist ein Plädoyer wider das Vergessen.

Das kann man natürlich mit viel Pathos auf die Bühne bringen, Regisseur Dusan David Parízek schwebt jedoch anderes vor. Sein Zugriff hat eine gewisse Leichtigkeit, ja durchaus etwas Komödiantisches, ohne dass die Vorlage dadurch denunziert wird – vielmehr verlocken die theatralen Mittel zu desto intensiverer Beschäftigung mit den Inhalten.

Parízek setzt dabei auf Konzentration und ist einmal mehr sein eigener Bühnenbildner. Zu sehen ist im Wesentlichen ein karger, über Eck gebauter Raum, außerdem hat der Regisseur sämtliche Rollen auf ein Quartett verteilt. Das daher um so hochkarätiger sein muss und auch ist: Sarah Franke und Henning Hartmann gehören zu den wandlungsfähigsten Mitgliedern des hannoverschen Ensembles, Markus John und der auch aus Film und Fernsehen bekannte Ernst Stötzner sind ebenfalls Spitzenklasse. Wie Stötzner gegen Ende mit wurschtiger Punk-Attitüde den aufmüpfigen Jugendlichen in der DDR spielt, gehört zu den Höhepunkten der Aufführung. Übrigens muss er sich auch körperlich betätigen: Die Geburt von Maykl Trutz wird per Seifenlaugen-Rutsche demonstriert.

In Windeseile wechseln die Akteure Kostüme, Geschlechterrollen und Dialekte; zuweilen teilen sich mehrere einen Part. Ab und an droht die Gefahr der Spielastik, und einzelne Szenen driften in die unangenehmeren Bereiche des Regietheaters (was sollen etwa die umständlichen Alphorn-Einlagen?), aber unter dem Strich ist dieser Abend eine reife Leistung, die vom Publikum entsprechend honoriert wird.

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