Pippi Langstrumpf zeigt in Bremen, warum Handeln mehr hilft als Motzen

Raus aus der Trotzphase

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Pippi am Apparat – und nicht ein Übermensch: Am Theater Bremen zeigt Annemaaike Bakker Astrid Lindgrens Heldin als ganz gewöhnliches Mädchen. Und ihren Mitbewohner Herr Nilsson (Tobias Gronau) als ganz gewöhnlichen Affen.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Fast 70 Jahre nach ihrem Erscheinen hat Pippi Langstrumpf gesiegt: keine bieder braven Annikas mehr in Mitteleuropa, nur noch selbstbewusste junge Frauen mit Sinn für Ironie, Witz und Courage.

Keine Annikas mehr? Nicht so ganz. Am Theater Bremen zeigt Regisseurin Nina Mattenklotz den Kinderbuchklassiker von Astrid Lindgren nun als Weihnachtsmärchen in einer Bruchbude mit einsturzgefährdetem Balkon und Kletterbaum (Bühne Johanna Pfau). Annika ist selbstverständlich mit von der Partie. Weniger selbstverständlich ist, dass sie erstaunlich aktuell wirkt.

Der Gegenentwurf zur frechen Pippi trägt heute nicht mehr Sonntagskleidchen und Haarschleife, sondern Kapuzenpulli und Turnschuhe. Und statt artig Gäste zu begrüßen und Küsschen zu verteilen, drückt sich die früh pubertierende Annika der Gegenwart betont angenervt im Hintergrund, mit Schmollmund und verschränkten Armen: voll kontrageil, all diese Spießer hier. Nein, die Annika von heute (Sophia Vogel) hat schon alles durchblickt, ist so was von abgeklärt und cool.

Doch in ihrer Null-Bock-Haltung gegenüber Familie, Schule und der ganzen Welt steckt eine Bequemlichkeit, die der passiven Folgsamkeit früherer Generationen in nichts nachsteht. Und so kann auch sie noch lernen von diesem seltsam fröhlichen Mädchen, das da nebenan ganz alleine zu organisieren versteht, ohne Spießereltern und Streberbruder (Peter Fasching).

Schließlich ist Pippi Langstrumpf (Annemaaike Bakker) ihr ja durchaus geistesverwandt: Auch sie mag sich nicht abfinden mit engstirnigen Polizisten und verklemmten Lehrern. Doch statt missmutig Schnuten zu ziehen, macht sie sich die Welt, wie sie ihr gefällt, spielt Fangen mit Polizisten und mit Einbrechern schottischen Tanz. Annika verfolgt das anfangs verächtlich, bald verwundert und schließlich bewundernd. Letzteres tritt ein, als Pippi ihr als Gast im Schulunterricht ganz direkt aus der Patsche hilft, als sie ihr zeigt, wie das geht: die Wirklichkeit zu verändern statt sie bloß missgelaunt zu kommentieren.

Gerade hat der fleißige Tommy seinem Lehrer (Guido Gallmann als wunderbar um Verständnis bemühter Achtundsechziger-Pädagoge) brav die Matheaufgabe vorgerechnet, da soll es ihm nun Null-Bock-Annika nachtun. Wie viel Geld hat Gustav ausgegeben, wenn er mit zwei Euro einkaufen gegangen ist und mit nur zehn Cent zurückkommt? Da sei ja schon die Fragestellung falsch, ruft Pippi, ehe Annika auch nur den Mund öffnen kann: Interessanter sei doch vielmehr, was der kleine Gierschlund für die ein Euro neunzig da alles an Süßigkeiten eingetütet habe und ob er davon nicht Zahnweh kriegt! So und nicht anders hat man auf blöde Fragen zu antworten.

Doch Courage ist nicht mit Dreistigkeit zu verwechseln und Selbstbewusstsein nicht mit Gefühlsarmut. Die mutige Pippi schämt sich nicht ihrer Sehnsucht nach dem in der Ferne weilenden Vater (Simon Zigah), und als dieser eines Tages eintrifft, wirft sie sich ihm an den Hals.

Großartig ist, wie Annemaaike Bakker diese Empfindsamkeit zum Ausdruck bringt. Ihre Pippi ist kein Übermensch, sondern ein ganz gewöhnliches Mädchen, ungewöhnlich höchstens darin, dass es handelt, wo andere nur motzen. Peter Fasching gibt einen wunderbar streberhaften Tommy, allenfalls von Sophia Vogels Annika hätte man sich die an sich reizvolle Entwicklung raus aus der pubertären Trotzphase hin zu einer tatkräftigen, selbstverantwortlichen Persönlichkeit noch schärfer akzentuiert gewünscht.

Schließlich ist – anders als bei Lindgren – sie es, die am Ende den bösen Immobilienspekulanten vertreibt, als der die Bruchbude „Villa Kunterbunt“ abreißen will. Ein ganz schlechter Zeitpunkt sei das, blafft sie ihn frech an: „Einmal die Woche reiße ich Häuser ab. Aber sonntags nie.“ Gut gelernt.

Kommende Vorstellungen: am 27., 28. November und 5. Dezember jeweils um 10 Uhr, am 1., 2., 3. und 4. Dezember jeweils um 9.30 Uhr, am 7. Dezember um 11 und 15 Uhr am Theater Bremen.

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