Pipilotti Rist propagiert in Hannover die barfüßige Sorglosigkeit

Einfach mal einlullen lassen

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Alles so schön beruhigend hier, oder etwa doch nicht? Pipilotti, Rist Worry Will Vanish Horizon, 2014.

Hannover - Von Jörg Worat. „Ziehen Sie die Schuhe aus und strecken Sie die Zehen“: Nein, wir sind nicht in einem Wellness-Tempel, sondern in der Kestnergesellschaft in Hannover. Und es geht auch nicht um ein Entspannungsritual, sondern um Kunst – wobei sich allerdings beides in der Ausstellung von Pipilotti Rist keineswegs ausschließt.

Aus gutem Grund hat die Schweizer Video-Ikone ihrer Schau mit zwei in Deutschland vordem noch nie gezeigten Arbeiten den Titel „Du wirst sorglos sein“ gegeben.

Wer dem Schild am Eingang der Installation „Worry Will Vanish Horizon“ Folge geleistet und sich seines Schuhwerks entledigt hat, landet in einem Raum mit flauschigem Teppich und Liegekissen. Auf zwei großen Wänden läuft eine Videoschleife mit diversen Bildern organischer Natur, Überblendungen von Händen, Blättern, Luftblasen. Die Grenzen zwischen Mikro- und Makrokosmos verschwimmen ebenso wie diejenigen zwischen Innen und Außen – eine Sequenz sieht verdächtig so aus, als habe da jemand eine Minikamera verschluckt und uns auf eine Reise in den Körper mitgenommen. Für nachhaltiges Aufflammen des Ekelfaktors passiert das viel zu beiläufig und viel zu ästhetisch, wie auch die elektronischen Klänge von Rists Sound-Kollegen Anders Guggisberg eine eher beruhigende Wirkung haben.

Um nicht zu sagen eine einlullende Atmosphäre kreieren, die wiederum irgendwann umkippen und letztlich sogar aggressive Stimmungen heraufbeschwören kann: Die Techniken des Autogenen Trainings, auf die sich die Künstlerin hier ausdrücklich bezieht, funktionieren nicht bei jedem. Auch die Reaktionen auf Rists zweite Raumarbeit in der Kestnergesellschaft mögen unterschiedlich ausfallen: „Sleeping Pollen“ heißt sie und präsentiert Projektoren in Metallkugeln, die pflanzliche Impressionen über die Wände gleiten lassen, als wäre man in eine völlig abgedrehte Disco gebeamt worden. Auch hier gibt‘s die passenden Klänge, in denen sich unter anderem, stark verlangsamt, eine Spieluhr-Version der „Internationalen“ findet. Unter dem Strich hat die Installation eine ähnliche Anmutung wie der benachbarte Kuschelraum, wirkt allerdings weniger ausbalanciert.

Wer mit Pipilotti Rist angesichts früherer Arbeiten eine gewisse Frechheit in Verbindung bringt, wird womöglich enttäuscht – sollten die beiden hier gezeigten Werke von 2014 ironisch gemeint sein, erschließt sich das zumindest nicht. Man mag auch das Stichwort „Realitätsflucht“ in den Ring werfen, müsste dann aber konsequenterweise ebenso Utopien von Paul Gauguin, Franz Marc und anderen in die Tonne treten. Besuchern, die sich einfach ihrem Gefühl hingeben, kann hier nichts versprochen werden: Manchen wird‘s wohl vorkommen wie eine Oase der Glückseligkeit an unerwartetem Ort (es gab sogar eine sehr gut besuchte Yogaveranstaltung in „Worry Will Vanish Horizon“) – und anderen tierisch auf den Geist gehen.

Die Ausstellung läuft bis zum 27. September in der Kestnergesellschaft in Hannover.

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