Der Krefelder Museumsdirektor Friedrich Deneken kaufte französische Avantgarde – und büßte dafür

Ein Pionier für die Moderne

Frühe Krefelder Erwerbungen, derzeit in der Bremer Böttcherstraße zu sehen: Rodins „Eva“, im Hintergrund Monets „Das Parlament“.

Bremen - Von Rainer StammAm 19. November erinnerten wir an den Krefelder Museumsdirektor Paul Wember, der in den fünfziger und sechziger Jahren mit sicherem Instinkt Werke von Yves Klein, Piero Manzoni und Lucio Fontana für die Krefelder Kunstmuseen erwarb, die heute zu den Preziosen der Ausstellung ‚Farbwelten‘ in der Bremer Böttcherstraße zählen; sein mutiger Einsatz für die Moderne steht in der Tradition Friedrich Denekens, der in den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts gegen die Widerstände seiner Zeitgenossen Werke von Rodin und Monet gekauft hat.

Der Name Friedrich Deneken ist heute selbst unter Kunsthistorikern fast niemandem mehr ein Begriff, obwohl er einer der ersten Museumsdirektoren in Deutschland war, der Werke von den Großmeistern der französischen Moderne zeigte. 1897 wurde er zum ersten Direktor des Krefelder Kaiser Wilhelm Museums berufen, wo er sich vor allem um Kunstgewerbe und lokale Sammlungen kümmern sollte. Doch als ehemaliger Mitarbeiter des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe hatte er auf zahlreichen Reisen nach Paris den Beginn einer neuen Epoche gespürt: den Wechsel von den Stilnachahmungen des Historismus hin zu einer neuen Kunst und einem neuen Stil, der den Namen „Art Nouveau“ erhielt.

Gleich in seinem ersten Amtsjahr gelang es ihm, aus Paris wichtige Beispiele dieser neuen Bewegung zu bekommen: Jugendstilgläser von Tiffany und Gallé zeigte er in seinem Museum und die bahnbrechenden modernen Plakate von Toulouse-Lautrec. Den belgischen Kunsthandwerker und Architekten Henry van de Velde lud er zu einem Vortrag ein und präsentierte seine Jugendstilmöbel in Ausstellungen.

Auch vor den Werken der bildenden Künstler machte seine missionarische Begeisterung nicht halt. So zeigte Deneken Werke von Van Gogh, Cézanne, Signac und Gauguin und zählte somit zu den ersten Museumsdirektoren, die sich für Bilder dieser Künstler in Deutschland einsetzten. Während einige wenige aufgeschlossene Krefelder Bürger die Öffnung des Museums für die zeitgenössische Kunst um 1900 begrüßten, wurden Denekens Aktivitäten von der Presse und dem Großteil der Öffentlichkeit argwöhnisch beäugt: „man wird annehmen müssen, dass sie nur als abschreckende Beispiele mit ausgestellt wurden“, urteilte die Niederrheinische Volkszeitung 1904 über einige Zeichnungen Paul Gauguins, die in Krefeld zu sehen waren.

Dennoch fand Deneken Förderer und Unterstützer für seine Bemühungen, Werke der modernen Franzosen für sein Museum zu erwerben: 1900 kaufte ein Krefelder Unternehmer die wunderbare Marmorfassung der „Eva“ von Auguste Rodin auf der Pariser Weltausstellung, um sie dem Museum zu überlassen; begeistert von dem Ankauf gab Rodin noch den Bronzekopf der Yvette Guilbert („Kleiner Kopf mit Stupsnase“) als Geschenk für das Museum hinzu. 1907 ging Deneken noch einen Schritt weiter und erwarb aus der von ihm veranstalteten „Französischen Kunstausstellung“ Claude Monets Gemälde „Das Parlament, Sonnenuntergang“. Diese spätimpressionistische Ansicht des Londoner Parlamentsgebäudes im abendlichen Sonnenlicht war zwar nicht das erste Gemälde des Malers, das für ein deutsches Museum erworben wurde, doch es war das erste Bild aus einer der großen Serien Monets, die sich mit dem Wandel von Licht und Farben im Verlauf der Tageszeiten und Witterungen beschäftigte und somit das radikalste Werk Monets in einer öffentlichen Sammlung im Deutschen Reich.

Für Deneken war der Ankauf des Monet-Bildes der Höhe- und Wendepunkt seiner Laufbahn: Der Ankauf eines ‚verschwommenen, unscharfen‘ Bildes von einem Hauptvertreter der französischen Moderne für das Krefelder Museum, das den Namen des ersten deutschen Kaisers trug, löste einen Skandal aus, wie ihn wenige Jahre später auch Bremen anlässlich des Ankaufs von Van Goghs „Mohnfeld“ erschütterte. Deneken wurde vor die Stadtverordneten geladen und gezwungen, seiner Passion abzuschwören: Nie mehr, so musste er versprechen, dürfe er „fremdländische oder moderne“ Bilder in seinem Museum ausstellen oder gar ankaufen.

Deneken, ein Pionier in der Vermittlung der Moderne in Deutschland, war in seinem Elan gebrochen, doch der Keim für die Durchsetzung der Moderne war gelegt und die wachsende Akzeptanz unaufhaltsam.

Die im ersten Jahrzehnt des Kaiser Wilhelm Museums erworbenen Werke von Rodin und Monet, die sämtlich derzeit in der Böttcherstraße zu Gast sind, sind somit nicht nur Spitzenwerke der Klassischen Moderne, sondern zugleich kulturgeschichtliche Dokumente für den Kampf um die Moderne in Deutschland.

Die Ausstellung „Farbwelten“ im Bremer Paula Modersohn Becker Museum ist noch bis zum 24. Januar 2010 geöffnet.

Der Autor dieses Textes, Prof. Dr. Rainer Stamm, ist Direktor der Kunstsammlungen Böttcherstraße, Bremen.

Das könnte Sie auch interessieren

"Gelbwesten"-Krise: Macron äußert sich am Montagabend

"Gelbwesten"-Krise: Macron äußert sich am Montagabend

Feuerwehr-Übung in Heiligenfelde

Feuerwehr-Übung in Heiligenfelde

Weihnachtliche Kulturtage in Syke

Weihnachtliche Kulturtage in Syke

Martfelder Weihnachtsmarkt

Martfelder Weihnachtsmarkt

Meistgelesene Artikel

Pete Shelley von den Buzzcocks ist gestorben

Pete Shelley von den Buzzcocks ist gestorben

Nora Olearius stellt im Künstlerhaus Bremen aus

Nora Olearius stellt im Künstlerhaus Bremen aus

Mozarts „Entführung aus dem Serail“: Nichts ist sicher

Mozarts „Entführung aus dem Serail“: Nichts ist sicher

Comic-Kolumne: Nicolas Mahlers „Das Ritual“

Comic-Kolumne: Nicolas Mahlers „Das Ritual“

Kommentare