Pianist Alexander Krichel offenbart unfassbare Klangfarben

Besessen durch den Ozean

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Wie gerade eben erfunden: Alexander Krichels Spiel überzeugt.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Dass dieser Klavierabend im Sendesaal gemeinsam mit der Philharmonischen Gesellschaft ein Erlebnis werden würde, war einerseits klar: Seit vielen Jahren klettert der 26-jährige Hamburger Alexander Krichel die Karriereleiter empor. 2013 war mit dem Echo-Klassik der erste Höhepunkt erreicht. Andererseits ist nicht immer sicher, dass die Hochbegabten ihr Potential behalten, und sich selbstkritisch weiterentwickeln können: verfrühte Lorbeeren und ein gnadenloser Konzertbetrieb sind gefährlich. - Von Ute Schalz-Laurenze.

Krichel zählt nun nicht mehr zu den ganz Jungen und konnte im Sendesaal beweisen, dass sich sein besonderes Profil außerordentlich gefestigt hat: Eine emotionale Bessenheit für Musik, die keine Sekunde Virtuosität als Selbstzweck erlaubt. Der ebenfalls in Mathematik, Biologie und Fremdsprachen hoch prämierte Krichel hatte bereits im Alter von 15 Jahren nach dem Hören der Musik von Franz Liszt entschieden, dass sein Fokus die Musik sein wird.

Immer wieder begegnen wir Virtuosen, die wunderbar spielen, bei denen aber nicht klar wird, was sie erzählen wollen. Ganz anders Krichel: Er scheint hochgradig unter Druck zu stehen, den Zuschauern seine Gefühle über die Musik mitteilen zu müssen.

Dass kann er sich aber auch erlauben, weil er darüber die Notwendigkeit der technischen Grundlagen nicht vergisst. Bestechend ist die Detailgenauigkeit seiner Interpretationen. Mit den „Bildern einer Ausstellung“ von Modest Mussorgski, einem geradezu erratischen Jahrhundertwerk in der Geschichte der Klaviermusik, gelingt ihm ein inhaltliches Ausloten der „Bilder“. Dabei zu hören ist eine unerschöpflichen Palette von Klangfarben, die nicht verstehen lässt, warum der Zyklus einst als „unpianistisch“ eingetuft wurde und Orchesterbearbeitungen provoziert hat. Ungemein differenziert die immer wieder auftauchende „Promenade“ in ihrer Funktion des nachdenklichen Nachhalls und die Antizipation des Kommenden. Geradezu als gemeißelte Skulptur der „Gnomus“, der Puls als Geheimnis des „alten Schlosses“, pure Freude und Glück im „Ballett der Kücklein“, ein atemlos entfachtes Chaos im „Marktplatz von Limoges“, die „Katakomben“: „dunkel, nass und kalt“, wie Krichel es in seiner engagierten und angemessenen verbalen Einleitung sagte. Ganz bedrohlich die Hexe „Baba Jaga“ und endlich als Metapher der Erlösung: das „große Tor von Kiew“.

Außerdem gab es Six Moments musicaux, op. 16 von Serge Rachmaninow, mit denen Krichel auf seine neueste CD mit dem zweiten Klavierkonzert des russischen Komponisten hinweisen wollte. Gerade mit diesen Stücken wurde ein weiterer Charakterzug in Krichels an unfassbaren Klangfarben so reichen Spiels deutlich: der wunderbare Eindruck des Suchens in einem Ozean von Gefühlen, des Hinhörens, des Nachhörens. Traumverhangen und sehnsüchtig wirkte alles wie eben erfunden. Zu Recht Riesenbeifall.

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