Zeichnungen als Energiepläne: Frühwerke von Joseph Beuys im Museum Schloss Moyland

Physik wird Poesie

Joseph Beuys: Landschaft, 1951.2010

Von Rainer BeßlingBEDBURG/DÜSSELDORF · Dass es nicht einfach sein würde, das Werk von Joseph Beuys auszustellen, machten die Düsseldorfer Kuratorinnen zu einer öffentlichen Verhandlungssache. Ein Jahr lang veranstalteten Marion Ackermann und Isabelle Malz Vorträge und Diskussionen als Vorspiel zu ihrer Retrospektive „Parallelprozesse“.

Bislang kamen rund 75 000 Besucher in die Kunstsammlung NRW zur bislang größten Beuys-Schau. Noch bis zum 16. Januar kann sie besucht werden. In Feuilletons wurde die Ausstellung als distanzierte Inventur bezeichnet, sie bekam klinische Distanz und White-Cube-Kälte attestiert. Wenn die Kuratorinnen als repräsentativ für die Nachgeborenen gelten können, die den Künstler selbst und das öffentliche Echo seines Auftretens nicht mehr erlebt haben, darf man für die Zukunft allenfalls noch eine Verfeinerung der Beuys-Musealisierung erwarten. Da hilft vermutlich auch wenig, dass an die Person Beuys als sein größtes Kunstwerk erinnert und sein Fehlen in jeder Ausstellung seiner Werke beklagt wird. Ebenso hilflos erscheint der Ausruf, „Beuys lebt!“, den Friedhelm Mennekes, ein Weggefährte und einfühlsamer Interpret des Künstlers, in der „FAZ“ formulierte.

Nun ist die Konservierung und Präsentation des künstlerischen Nachlasses von Joseph Beuys, verbunden mit der Thematisierung seiner bisherigen Rezeption und der Initiierung neuer Forschungsansätze nicht nur Sache von Museen. Wer die Auseinandersetzungen zwischen den Erbverwaltern und dem Schloss Moyland beispielsweise verfolgt, kann sich halbwegs vorstellen, wie im Hintergrund um Beuys-Wirklichkeit und Beuys-Bild gerungen wird.

Mit der Sammlung van der Grinten bietet das historische Wasserschloss am Niederrhein ein großartiges, umfangreiches Konvolut insbesondere an frühen Werken des Künstlers. Die Ausstellung von mehr als 200 teils unveröffentlichten Zeichnungen, die das Kuratorentrio Jean-Christophe Ammann, Bettina Paust und Nicole Fritz aus dem Moyländer Bestand zusammengestellt hat und noch bis zum 20. März zeigt, lässt sich als Alternative zu einer „Beuys“-Inventur“ sehen. Angesichts der filigranen Blätter, die figürliche Anspielungen mit grafisch gewendeten Gedankenbewegungen, die Körperlichkeit und Stofflichkeit mit Spiritualität und Geheimnis kreuzen, darf sich der Betrachter durchaus nahe an der Person des Künstlers und am Quellbezirk von dessen Werk empfinden.

„Energieplan“ lautet der Titel der Schau. Die frühen Zeichnungen werden als ein Experimentierfeld präsentiert, auf dem Beuys seine Gedanken zur „Gesamtenergiefrage“, zu „Freiheitsenergien“, zu einer „Kunst als Urproduktion“ und der „Verbindung von Mensch und Kosmos“ entwickelte, Vorbereitungen zum „Erweiterten Kunstbegriff“ und der „Sozialen Plastik“. Wenn Kurator Ammann Beuys den „bedeutendsten Zeichner des 20. Jahrhunderts“ nennt, meint er auch die formalen Qualitäten. Mehr aber noch identifiziert er in den Blättern einen leidenschaftlichen und ernsthaften Forscher, der mit den Werkzeugen Intuition und Imagination „Weltinhalt“ und „Weltzusammenhänge“ erkundet. Sein Zeichnen erschließe Welt und münde in Welt: „Die synergetischen Kräfte, die er zu bündeln wusste, gleichen den großen Leistungen im naturwissenschaftlichen Bereich.“

Die Auseinandersetzung des jungen Beuys mit wissenschaftlicher Methodik und naturwissenschaftlichem Denken ist in der Biografie belegt. Aber auch die frühen Zeichnungen dokumentieren dieses Interesse anhand von naturwissenschaftlichen Motiven: Aggregate, Spulen, Sonden, Batterien, Kabel, Transformatoren oder Kondensatoren verweisen auf physikalische Phänomene und energetische Prozesse.

Die Eigensprachlichkeit des Mediums, das heißt die Strichqualität, korrespondiert bei Beuys auf besonders sinnlich-stoffliche und nicht illustrative Weise mit Energieflüssen, Leitfähigkeit oder Kraftwirkungen. Er hat dabei nicht nur das Individuum, sondern Mensch und Welt in Korrespondenz und Evolution im Blick, den einzelnen in seinen Übergängen, nicht zuletzt an der Schwelle zum Tod,wie viele Blätter zeigen. „Ich spreche über den Tatbestand der Kräftekonstellationen im weitesten Sinne“, so Beuys, „die Kräftekonstellationen des Lebendigen, des Seelischen, also des Psychisch-Geistigen.“

In zehn Themenräumen entwickelt die Ausstellung diese Erkundungsversuche vorwissenschaftlichen und nachwissenschaftlichen Zuschnitts: „Soziale Wärmeprozesse, Schamanismus, Aberglaube, Energie des Lichts, Mythos Tier, Seelische und geistige Energien, Kraftfelder: Physik und Natur, Christuskraft, Auschwitz, Lebensschwellen und Todesbewusstsein“.

Die inhaltliche Dichte dieser poetisch-spirituellen Naturkunde lässt die Suche nach einer Weltformel und umfassenden Lösung für alle Weltprobleme vermuten. Doch jede Zeichnung zeigt auch, dass jedes Einzelelement in dieser „Feldtheorie“ einen unverzichtbaren „energetischen, topologischen, anthropologischen und kosmologischen Stellenwert“ (Ammann) besitzt. Vielleicht ist es das, was an Beuys‘ Zeichnungen so anrührt: dass es scheint, als trete Einheitliches und Fundamentales in jedem Einzelnen nach außen und gebe sich zu erkennen.

Der großartige Katalog „Energieplan – Zeichnungen aus dem Museum Schloss Moyland“ ist nur während der Ausstellungslaufzeit zum Preis von 39 Euro erhältlich. Die große Publikation „Parallelprozesse“ zur Düsseldorfer Beuys-Retrospektive ist im Schirmer/Mosel-Verlag erschienen und kostet 58 Euro.

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