Philharmonisches Kammerkonzert in der Bremer Unser Lieben Frauen Kirche

Barock auf Bolivianisch

Leonard Elschenbroich
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Leonard Elschenbroich

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Das Ganze klingt ein Märchen: da findet der Schweizer Architekt Hans Roth 1977 auf Dachböden von bolivianischen Kirchen aus dem späten 17. und frühen 18. Jahrhundert, die er restaurieren will, Tausende von Notenseiten, angebrannt, vergilbt, von Mäusen angefressen. Es ist anonyme Musik aus den Jesuitenmissionierungen, Musik, die entstand, weil der damalige Missionar Martin Schmid sich mehr dafür interessierte, den Indios Musik beizubringen als die Religion. - Von Ute Schalz-Laurenze.

Sie bauten Instrumente, sie lernten sie spielen und sie komponierten. Die Provinz Chicqitania in Bolivien versteht diese Musik bis heute als die ihre. Der polnische Priester und Musikwissenschaftler Piotr Nawrot gibt sie heraus und hat bis heute mit 36 Bänden erst zehn Prozent erfasst. Der deutsche Cellist Leonard Elschenbroich nahm sie in seine stets außerordentlichen Programme auf und kombinierte sie für das Konzert der Philharmonischen Gesellschaft Bremen mit Musik des europäischen Vorbildes, mit Musik von Antonio Vivaldi.

Dass aus einem Abend mit barocken Concerti grossi ein derart spannender Konzertabend werden kann, liegt natürlich auch den explosiven Interpretationen der beiden Protagonisten Nicola Benedetti (Violine) und Elschenbroich. Noch immer scheint mir die Musik des venezianischen Meisters, den Johann Sebastian Bach so bewunderte, unterschätzt. In Zugriffen wie denen von Benedetti, Elschenbroich und Mitgliedern der Deutschen Kammerphilharmonie erklangen zwei Konzerte für Violine, Cello und Orchester, eine Cellosonate und ein Cellokonzert und das Violinkonzert „Der Sommer“ aus den „Jahreszeiten“ mit einer faszinierenden rhetorischen und klangfarblichen Deutlichkeit und emotionalen Wucht, die den darunter liegenden „Beat“ mitreißend erfasste. Benedetti und Elschenbroich können mit einer atemberaubenden Schnelligkeit Stimmungen wechseln, wie zum Beispiel aggressive Attacken fast zeitgleich tröstender Zärtlichkeit zu spielen.

Die Musik aus Bolivien klingt verführerischer, sanfter, tänzerischer, Nawrot hält sie für spiritueller, was natürlich für uns so direkt und nicht immer hörbar ist. Gelegentlich hört man fremdartige Melodik, die sicher von der indigenen Bevölkerung herrührt. Die Besetzungen sind flexibel: eine Sonate für sechs Geigen und Contiuo zum Beispiel oder auch die immer fehlenden Bratschen. Wo genau die Unterschiede liegen, ist Forschungsgegenstand, in jedem Fall wirken die alle anonymen Werke – denn es ging um Gottesdienst, nicht um Autoren – als eine wunderbare Bereicherung des Repertoires.

So schloss dieses heftig bejubelte Konzert in Unser Lieben Frauen nicht nur eine musikgeschichtliche Wissenslücke, sondern bescherte uns auch die Neugier auf weitere Entdeckungen.

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