Phantom Ghost und Planningtorock

Gesangästhetik vs. exzentrische Bühnenperformance

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Dirk von Lowtzow und Cellistin Boram Lie.

Bremen - Von Pascal Faltermann - Bewusst inszenierte Gesangästhetik, versehen mit Kitsch und Theatralik, tritt gegen eine exzentrische, regelrecht irre Bühnenperformance mit schrullig, verzerrtem Operngesang an.

Eine kuriose und gewagte Zusammenstellung haben die Macher der Konzerte im Bremer Theater am Goetheplatz in ihrer sechsten Reihe gewählt. Dirk von Lowtzow (Tocotronic) und Thies Mynther als Phantom Ghost verwandeln ihren Auftritt in ein Salonkonzert mit Rotwein am Klavier, die Engländerin Planningtorock setzt den Kontrapunkt par excellence. Sie verstört, lässt tanzen und teilt das Publikum: Den Saal verlassend oder euphorisch vom Sitz erhoben ihrem Rhythmus folgend.

Den Seitenscheitel nach links geworfen, steht der Dreitagebartträger Dirk von Lowtzow – bekannt als Leadsänger der Band Tocotronic – am Mikrophon.

Dreitagebartträger Dirk von Lowtzow.

Gefühlvoll streicht er über die dünne Membran, das Kabel und den Ständer des Tonabnehmers, ballt seine Fäuste, um die Finger wenig später weit zu spreizen und die Arme auszubreiten. In jeden Ton steigert er sich hinein, versucht mit Ernsthaftigkeit die Melodien mitzugehen und dennoch steckt in jeder Zeile, jedem Song die Ironie. Gemeinsam mit dem Komponisten Thies Mynther (Musiker bei Stella und Superpunk) hat von Lowtzow fünf Alben unter dem Namen Phantom Ghost produziert. Spiegel-Online und Zeit.de haben das 2012 erschienene Werk „Pardon my English“ zum Album des Jahres gekürt. Dabei ist dieses Projekt der Kritikerlieblinge nur ein Hobby: Die zwei Musiker hatten sich verabredet, um gemeinsam John-Cale-Songs zu spielen. Für Tocotronic schrieb von Lowtzow Stücke wie „Pure Vernunft darf niemals siegen“ oder „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“. Hier singt er, dass „Doktor Schaden Freud“ einer der besten Therapeuten ist. Voller Komik und Melancholie prangert er die Leistungsgesellschaft und Volksleiden an.

Auf ihrem ersten Album war es noch Diskosound, der prägte. Es folgten Pop und düstere Klänge. Jetzt sind es Musicals und Showmusik, allerdings keine neuen Werke, sondern aus den 20er bis 50er Jahren am Broadway und deren Vorläufer, die Operetten. Mynther sitzt am Flügel, von Lowtzow imponiert mit seinem Bariton-Gesang. Mal hebt er die Stimme über das Klavierspiel, dann versteckt er sie. Schon die stark betonte Intonation verrät die Ironie. Herausstechend: Die Coverversion von „Smashing New York Times“ im Original von Charles Strouse und Lee Adams, „Going Through The Motions“ aus dem Buffy-Musical „Once More, With Feeling“ oder der Song „In the Tittery“. Cellistin Boram Lie vom Brandt Brauer Frick Ensemble unterstützt die Musiker bei einem Drittel der Songs.

Dann der Bruch: Hämmernde Beats, Sound-Verfremdungen und eine verwirrende Video-Installation mit dem Gesang von Janine Rostron (Planningtorock). Die ersten Zuhörer verlassen kopfschüttelnd das Theater, andere tanzen. Bilder von Gesichtern, die an Science Fiction-Figuren mit Höcker auf der Nase erinnern oder eine futuristisch verkleidete Figur auf einem alten Auto hüpfend, irritieren. Gender-Botschaften werden versendet und ernten ratlose Gesichter. Eine Electro-Oper, die so gar nicht zu Phantom Ghost passen will, aber auch bewusst gewählt ist.

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