Pfennigabsatz und Puffärmel

Norwegen: Partnerland der Jazzahead zeigt sich vielfältig

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Skadedyr aus Norwegen klingen mindestens so bunt wie sie aussehen.

Bremen - Von Rolf Stein. Geigen, es sind auffällig viele Geigen für ein Jazz-Festival auf den drei Bühnen zu sehen. Gespielt werden sie von Norwegern. Und auch ohne sich mit der dortigen Folklore näher auszukennen, ist jene offenbar ein wesentlicher Grundstoff der „Norwegian Night“, des ersten Abends der Jazzahead, der traditionell dem Partnerland gewidmet ist.

Aus mehr als 90 Bewerbungen habe eine Jury acht Formationen ausgewählt, erzählt Uli Beckerhoff, einer der beiden künstlerischen Leiter der Messe. Und sowohl die am Donnerstagabend vorgestellte stilistische Spannweite als auch das musikalische Niveau sind beeindruckend. Thomas Strønen‘s Time Is A Blind Guide erkunden intensiv das Terrain zwischen traditionellen Klängen, Jazz und freier Improvisation, den mächtigen Schlusspunkt setzt das Trio der Gitarristin Hedvig Mollestad, die als wesentliche Inspirationen Black Sabbath und John McLaughlin angibt – was die Sache gut trifft. Pfennigabsätze und Puffärmel gehören allerdings weder da noch dort ins Bild, was der Sache noch einen speziellen Charme verleiht.

Auffällig ist neben den wiederkehrenden Folk-Bezügen auch die Neigung zu größeren Formationen. Zwar sind mit dem Espen Berg Trio und Gard Nilssen‘s Acoustic Unity auch zwei klassische Trios vertreten. Und die Sängerin Kristin Asbjørnsen lässt sich lediglich von einem Gitarristen sowie einem Kora-Spieler begleiten. Die Karl Seglem Band, Skadedyr und Frode Haltli Avant Folk setzen auf größere Besetzungen und stilistische Expansion.

Als beispielhaft für die jüngere Generation könnte die zwölfköpfige Band Skadedyr stehen. Nach einer Eröffnung mit großer Geste, die an „Raumschiff Enterprise“-Fanfaren erinnert, entwickelt die Formation Musik zwischen beinahe klassischem Jazz, gelegentlich in Bigband-Anmutung, Geräuschforschung, Freiform-Rock mit funkelnder Steel-Gitarre und noch etlichem mehr heraus, die auch vor einem nur auf Maultrommeln vorgetragenem Stück nicht zurückschreckt. Das Kollektiv – dessen Mitglieder übrigens immerhin zu einem Drittel weiblich sind, was leider auch in der Jazz-Avantgarde nicht unbedingt üblich ist – sprudelt vor Ideen förmlich über. Eine reiche, wuchernde Musik, die die alten Formen nicht scheut, aber auch nicht deren beherzte Verformung.

Dass Norwegen auch in den klassischen Formen einiges zu bieten hat, beweist unter anderem der Schlagzeuger Gard Nilssen. Dessen Acoustic Unity ist ein energetisches Trio mit dem Bassisten Ole Morten Vagan und dem Saxophonisten André Rologheten, das ausgehend von einem Hard-Bop-Fundament auch in freie Gefilde aufbricht.

Eine beinahe ohne Abstriche überzeugende Visitenkarte für die norwegische Szene.

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