Petra Janina Schultz gibt mit Schillers „Maria Stuart" ihr Regiedebüt am Theater am Leibnitzplatz

Niemand entkommt der Staatsräson

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Gefühle hinter dem Bilderrahmen: Elisabeth (Ulrike Knospe) und Leicester (Michael Meyer).

Bremen - Von Andreas Schnell. Ob es Zufall ist, dass derzeit zweimal „Maria Stuart“ auf Bremer Bühnen zu sehen ist? Und dass zudem beide Inszenierungen Regiedebüts sind – am Theater Bremen das von Anne Sophie Domenz, am Leibnitzplatz das von Petra Janina Schultz? Wahrscheinlich. Eher kein Zufall dürfte es sein, dass die „Maria Stuart“ von Schultz, die am Donnerstag Premiere feierte, im Programmheft mit dem Terrorismus konnotiert wird – wie gerade erst die „Medea“ von Alexander Riemenschneider im Kleinen Haus. - Von Andreas Schnell.

Illegitime Gewalt als Mittel der Politik und der Clash der Glaubensbekenntnisse sind Schillers „Maria Stuart“ durchaus als zentrale Konflikte eingeschrieben. Im Programmheft verweist ein Textauszug von Ferdinand von Schirach auf die völkerrechtlich zweifelhafte Tötung Osama Bin Ladens durch US-amerikanische Soldaten am 2. Mai 2011. Auch Königin Elisabeth muss sich schließlich von der gefangenen Konkurrentin um den Thron vorwerfen lassen, sie völkerrechtswidrig festzuhalten. Allerdings lässt sich Schultz, die wir schon als Schauspielerin bei der Shakespeare Company kennen, nicht zu einer Zuspitzung auf diesen Aspekt verführen. Sie behält den Originaltext weitestgehend bei – eingeschoben sind lediglich zwei Passagen, in denen die Protagonistinnen selbst zu Wort kommen, aus dem Off eingespielte Auszüge historischer Zeugnisse.

Den Kampf der beiden Frauen lässt sie in einem reizvoll kargen Bühnenbild (Bühne und Kostüme: Hanna Zimmermann) spielen, die hier auf einer Ebene verortet sind, wenngleich natürlich strikt getrennt, die eine im goldenen Rahmen auf der rechten Seite, die andere an der gegenüberliegenden Wand auf kargem Klappsitz hockend. Die beteiligten Herren agieren weitgehend vor der Bühne, eine Ebene tiefer, wie es ihnen zusteht. Wobei sie immer wieder zu den Königinnen vorstoßen, ein jeder mit seinen eigenen politischen Interessen, mal in der Maske des ehrlichen Polit-Maklers, mal, wie Graf Leicester, als liebender Mann. Ein bisschen ist „Maria Stuart“ hier also auch eine Frauenfrage: Denn beide müssen sich stets auch damit auseinandersetzen, dass der männlich dominierte Adel sie für sich funktionalisieren will.

Gewissenhaft behandelt Schultz diese verschiedenen Ebenen des Stücks, der Text ist nur leicht zugunsten der beiden Kontrahentinnen gerafft, von den Männerfiguren bleiben lediglich vier, die sich Michael Meyer (sehenswert vor allem als eitler Leicester, aber auch als ehrpusseliger Paulet) und Markus Seuß (Mortimer und Burleigh) teilen.

Ulrike Knospe stolziert als Elisabeth auf turmhohen Plateausohlen und in türkisfarbenem Hosenkleid über die Bühne, zum Kostüm geronnene Staatsräson, der zu entkommen nur unter unwürdigen Verrenkungen möglich und deswegen eigentlich unmöglich ist. Nicht einmal einen gemütlichen Thron hat sie. Eine Sitzbank ermöglicht zwar einigermaßen kommodes Sitzen, aber so richtig ruhen lässt sich darauf nicht. Die Klüfte zwischen privaten und politischen Interessen, zwischen Moral und Pragmatismus lotet Ulrike Knospe eher kühl aus – als reichlich puritanischer Souverän ziemt es sich schließlich nicht, allzu emotional zu sein. Schwer haben es da individuelle, emotionale Impulse, ihren Weg durch die Maske des Offiziellen zu finden. Ganz anders natürlich Maria Stuart, dargestellt von Franziska Mencz, die Katholikin, die Rebellin, die Frau, die ihre Schönheit auch politisch zu nutzen weiß. Wobei leider nicht immer gut zu verstehen ist, wie sie ihre Ziele verfolgt. Vor allem in der Begegnung der beiden, beim Besuch Elisabeths in Stuarts Kerker schlägt das schauspielerisch durchaus Funken, die man andernorts vermissen darf, weshalb einem die rund zweieinhalb Stunden des Abends manchmal lang werden. Zu erwähnen wäre noch die Musik von Stefan Rapp, der im ersten Teil mit perkussiven Zwischenspiel das Geschehen taktet, im zweiten vor allem ein stetig wiederkehrendes Grollen unterlegt, das das scheinbar unvermeidliche böse Ende andeutet.

Für die Bremer Shakespeare Company ein durchaus ungewöhnlicher Abend, der ganz auf die sonst im Hause üblichen Witzeleien verzichtet. Im Vergleich mit der anderen Bremer „Maria Stuart“ der weit weniger unterhaltsame Abend, dafür aber einer, der das Drama weit ernster nimmt, seine Ideen aus dem Text gewinnt, anstatt sie diesem aufzupflanzen.

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