Wegen Corona neu gelesen

„Die Pest“ von Albert Camus: Unerträglich unbekümmert

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Der Schwarze Tod raffte Zehntausende dahin: Das berühmte Sedletz-Ossarium im tschechischen Kutna Hora besteht auch aus den Knochen von Pestopfern.

Syke - Es gibt gute Gründe und eine Schwierigkeit dabei, die Isolation dieser Tage mit der Lektüre von Camus’ „Die Pest“ zu verbringen. Erstmal fühlt sich ein Klassiker der Weltliteratur thematisch selten so frisch an wie dieser Roman von 1947. Außerdem docken auch seine unterschwelligeren Gedanken viel leichter in Hirn und Herz an als noch vor zwei Wochen. Das Problem ist nur, dass Sie nicht alleine sind mit der Idee: „Derzeit nicht auf Lager“, melden die Online-Versandhäuser seit Zuspitzung der Corona-Krise.

In einem Bremer Buchladen klaffte zuletzt neben „Der Fremde“ eine sichtbar große Lücke im Regal. „Wir drucken gerade die 88. Auflage,“ hat Rowohlt-Sprecherin Regina Steinicke zum Börsenblatt gesagt, dem Wochenmagazin des deutschen Buchhandels, zwei weitere Nachauflagen seien bereits beauftragt. Das Interesse ist also unbestreitbar – aber was ist dran an der plötzlich neuen Aktualität des Klassikers? Tatsächlich sind die Parallelen zwischen Camus’ Pest in der algerischen Hafenstadt Oran und dem Nachrichtengeschehen von hier und heute aufregend: die zunächst hilflosen Maßnahmen, Meldepflicht und vorsorgliche Quarantäne von Angehören. Ja, selbst das Wetter entwickelt sich ähnlich: Auch bei Camus kommt der Frühling früh – und die Sonne scheint unerträglich unbekümmert auf die menschliche Tragödie hinab. Ganz besonders frappierend ähnlich sind natürlich die Folgen der Abriegelung, die hier und da zwar noch freiwillig ist, aber doch mindestens als moralische Pflicht im Raum steht.

„Man kann sagen, dass von diesem Augenblick an die Pest uns alle betraf“, heißt es bei Camus. Eine Weile macht man noch irgendwie weiter, geht zur Arbeit, bis „ein so urpersönliches Gefühl wie das der Trennung von einem geliebten Menschen plötzlich, und schon in den ersten Wochen, ein ganzes Volk erfüllte und zusammen mit der Angst das größte Leid dieser langen Zeit der Verbannung bildete.“

Nun würde von „Verbannung“ heute keiner sprechen, auch von „Seuche“ nicht. Und vielleicht wäre es wirklich Quatsch, zynisch zu werden und Camus’ Passagen darüber in Erinnerung rufen, wie wichtig es ist, die Dinge beim Namen zu nennen. Die Lage ist ja wirklich anders. Aber wie anders wirklich? Die Isolierten bei Camus schicken keine Post, aus Angst vor Keimen am Papier, die Telefonnetze brechen zusammen. Es bleiben nur Telegramme, wo es angesichts von Messengern, Twitter und so weiter heute beinahe lustig klingt, wie Camus vom geistigen Elend spricht, wenn soziales Miteinander auf eine „Depesche von zehn Worten“ eingedampft werde – und sich „gemeinsam durchlebte Jahre oder schmerzliche Leidenschaften rasch zu einem regelmäßigen Austausch stehender Redensarten“ verdichten.

Wer Spaß daran hat, findet mühelos Parallelen, Unterschiede – und Stellen, bei denen sich höchst produktiv darüber streiten ließe, ob sie nun das eine oder andere sind. Wichtiger ist aber wohl die große Frage nach der Unwirklichkeit einer Katastrophe, die Spannung zwischen abstrakter Bedrohung unsichtbarer Keime und der lange ungekannten Präsenz konkreter Maßnahmen. Was das eben heißt für Familien, für Presse, für die Wirtschaft und die Religion – oder was es jedenfalls heißen könnte – darüber ist viel zu lesen in diesem dünnen Buch.

Keine Seuche, sondern Krieg - sagte auch Macron über Corona

Bemerkenswert ist auch, wie eine Basisbanalität der Rezeptionsgeschichte zur belanglosen Randnotiz wird: dass es Camus nämlich „eigentlich“ nicht um eine Seuche geht, sondern um Krieg, Besatzung und Résistance. Die Metaphorik funktioniert offenbar in beide Richtungen. „Wir sind im Krieg“, hatte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron vor ein paar Tagen über Corona gesagt – US-Präsident Donald Trump sprach von einem „medical war“.

Albert Camus hat mit „Die Pest“ keine Anleitung für die heutige Krise geschrieben und erst recht keinen prophetischen Text – aber doch einen Roman, der schon etwas weiter ist als wir und der tiefer drinnsteckt in der Isolation und der Gemeinheit eines auch über Monate irreal und bisweilen absurd bleibenden Zustands. „Weil die Plage das Maß des Menschlichen übersteigt“, so ein zentraler Satz des Buchs, „sagt man sich, sie sei unwirklich, ein böser Traum, der vergehen werde.“

Es lohnt sich wirklich, „Die Pest“ jetzt endlich oder wieder einmal zu lesen. Und das nicht nur, um mitreden zu können, wenn die nächste und die übernächste Auflage erst verschickt und ausgelesen sind.

Lesen

Albert Camus: „Die Pest“, Rowohlt Taschenbuch, 12 Euro.

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