Bremer „Outnow“-Festival mit Death-Metal-Müller und dem „souveränen Menschen“

Performancekunst macht Spaß

Zwietracht vor Magentahimmel: Szene aus der Produktion „Kwartet“. ·
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Zwietracht vor Magentahimmel: Szene aus der Produktion „Kwartet“. ·

Bremen - Von Tim SchomackerSchon eine Verkörperung durch John Malkovich hätte sich der Vicomte de Valmont aus Laclos‘ tabubrechendem wie analytisch scharfen Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ sicher kaum vorstellen können.

Das Buch erschien 1782. Dass er aber dereinst als vier junge Männer in schwarzengen Jeans, ärmellosen T-Shirts und mit langen knallschwarzen Haaren vor einem magentafarbenen Vorhang Ringelreihen tanzen würde – das hätte das Vorstellungsvermögen des um keine Provokation oder erotische Anspielung verlegenen Valmont gewiss überstiegen.

Auf dem Umweg über Heiner Müllers Laclos-Paraphrase „Quartett“ (1980) gelangt die Romanfigur Valmont in die Performance „Kwartet – Een Popweballad“ von Urland und Naomi Velissariou aus Holland. Und auf die Bühne des zweiten Abends beim (mehr oder weniger) Nachwuchs-Theater-Festival „OutNow!“.

Müllers Text ist weitgehend abwesend. Gelegentlich erscheinen einige Fetzen als Schrift auf dem Vorhang oder in den Mündern des Quintetts. Velissariou und Urland haben sich eher die Struktur von „Quartett“ vorgenommen. Sexuelle und Gewalt-Metaphern bilden die Struktur. Bei Müller wie bei Laclos.

„Kwartet“ ist eine Übersetzung von Strukturen, Sprachgesten und theoretischen Hintergründen (Identität, Geschlecht, Macht) in den Raum – und vor allem in die Musik. Die heißt hier Elektropunk und vor allem Death Metal, jene unterkühlte, fast mathematische, bisweilen eigenartige und sehr schroffe Spielart lautharter Rockmusik. Geflecht und Gefängnis, gallige Komik und kalkulierte Grenzüberschreitung eint Musik und Text auf beinahe magische Weise. So beweist „Kwartet“, dass hochabstrakte Performancekunst auch schlicht Spaß machen kann.

Bis dahin erwies sich der zweite „OutNow!“-Abend als deutlich durchwachsener. Schneidermanns / Willems‘ / Jansubrenas praktische Erkundungen des „souveränen Menschen“ eignete ein hohes Maß an Präzision in der Körperarbeit, ein (dann selbst) souveräner Umgang mit den Mitteln der Bühne. Schön ausgestellter Kunstschnee fällt auf eine bebirkte Schneelandschaft, die dann ebenso präzise wie achtlos in ihren Einzelteilen abgebaut wird.

Zuvor hatte Kim Willems in einem hübschen – aber dann doch sehr auf das eigene, nämlich das Bühnenmetier gemünzten – Solo Theatertheorie (wie geht Beleuchtung? etc.) und staatsmännisches Rhetorik- und Gestik-Coaching in einander verschränkt. Solcher performativer Souveränität strecken sich die vier Akteurinnen von „Henrike Iglesias“ erst entgegen.

Mit einem Kleinwagen fahren sie in den kleinen Schwankhallensaal. Sie erzählen in eher monotonem Wechsel aus ihren echten und vor allem parallelen möglichen Leben. Sie tippen Popstarimagebildung ebenso an wie Castingshows und Authentizitätsterror. Dass die vier im Raum (noch) nicht wirklich tragende Präsenz erreichen, was soll’s – dafür ist der Performanceausbildungsbetrieb ja da. Schade nur, dass „Henrike Iglesias“ bei Alltagserzählungen eher zur Reihung gelangt als zur Poesie – und beim allzu leicht zu kritisierenden Amerikabild nur selten weiter als zum Nächstliegenen. Immerhin ist „OutNow!“ als Entwicklungsbeobachtungsfestival gedacht. So dass mancher und manche wiederkommen mag in den kommenden Jahren – mit ein bisschen mehr Präsenz im kulturellen Kofferraum.

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