Eine neue Biografie charakterisiert den großen Herrscher als kühlen Kopf mit ausgeprägtem Gespür für die Gefahren einer Supermacht

Ein perfekter Geschäftsführer: Kaiser Augustus und sein Imperium

Kreiszeitung Syke
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Syke - Von Johannes Bruggaier. Niemand vermochte sich dem Einfluss der Supermacht zu entziehen. Von der Mode der Textilbranche bis zur Architektur, von der Literatur bis zum rechten Weg des Glaubens: Es war, als hätten sich sämtliche Völker dieser Welt dieser einen dominanten Kultur verschrieben.

Die Rede ist nicht von den Vereinigten Staaten von Amerika. Die Rede ist vielmehr von einem Reich, das einst vom äußersten Westen Europas bis in den Nahen Osten reichte: das römische Reich im ersten Jahrhundert vor Christus.

Bis heute gilt die Epoche der „Pax Romana“ als Musterbeispiel für politische Stabilität, ein wahres Wunderwerk der Regierungskunst. Verantwortlich dafür zeichnete ein Mann namens Gaius Octavius, besser bekannt unter seinem vom römischen Senat verliehenen Ehrentitel „der Erhabene“: Kaiser Augustus. Generationen von Historikern haben um eine Einordnung seiner Politik gerungen. Den einen galt er als geschickter Architekt eines auf mehreren Säulen verteilten Machtgebäudes, die anderen sahen in ihm einen skrupellosen Diktator mit ausgeprägtem Sinn für Propaganda. Zuletzt hat sich der US-amerikanische Altphilologe Karl Galinsky eine biografische Annäherung an Augustus vorgenommen. Im Philipp von Zabern Verlag ist sein Werk nun auf Deutsch erschienen. Es ist eine sorgsam ausgewogene Bilanz des aktuellen Forschungsstands geworden, eine Abhandlung, die den gewieften Diplomaten würdigt, ohne den brutalen Machtpolitiker zu verschweigen.

Der junge Octavius erscheint bei Galinsky als zerbrechliche Persönlichkeit, deren späteren Aufstieg nur wenige vorausgeahnt haben dürften. Anders als etwa sein Gegenspieler, die Kraftnatur Antonius, zeigte er sich anfällig für Krankheiten und Schwächeanfälle. Die freie Rede in der Öffentlichkeit fiel ihm schwer, oft versagte ihm die Stimme. Ähnlich wie bei Demosthenes sieht Galinsky aber gerade diese Defizite als Grundlage des Erfolgs: Octavius vermochte aus seinen Schwächen ein hohes Maß aus Willenskraft und Selbstkritik abzuleiten. Verbissen stemmte er sich gegen körperliche Rückschläge zu ungünstigen Zeitpunkten. Und als er im jugendlichen Überschwang mit einer Armee von 3 000 Cäsar-Veteranen in Rom einmarschierte, um vollmundig seinen Einsatz gegen Antonius zu verkünden – woraufhin die alten Recken ihm kurzerhand die Gefolgschaft kündigten –, da nahm er die Blamage als Lehre: In seiner drei Jahre währenden harten Auseinandersetzung mit Sextus Pompeius, die erst mit der siegreichen Seeschlacht von Naulochoi ein Ende fand, bewies der einst so ungezügelte Octavius einen umso kühleren Kopf.

Von mitunter durchaus frappierender Rationalität war auch das Verhalten des Alleinherrschers Augustus gekennzeichnet. Galinsky zeigt einen Kaiser, der in seinem Riesenreich gewaltsame Unruhen lange untätig verfolgte und erst einschritt, sobald aus dem Aufstand eine wirkliche Gefahr für das Imperium zu erwachsen drohte. Die Bürger sollten in diesen zwischenzeitlichen Beinahe-Revolutionen ein mahnendes Beispiel für die überwundene Zeit der Konflikte erkennen. Vor diesem Hintergrund wird die Interpretation mancher betont demütigen Charakterzüge dem Leser überlassen: etwa Augustus‘ vielgerühmte Abneigung gegen Titulierungen wie „Herr“ oder gar „Gott“.

Es mag als herausragendes Kennzeichen augusteischer Herrschaft gelten, diesen multikulturellen Völkerverbund nicht durch eine autokratische Politik bezähmen zu wollen – was in der Antike der naheliegende Ansatz gewesen wäre –, sondern den Mut zur Toleranz gegenüber pluralistischen Strömungen sowohl in religiöser als auch in kultureller Hinsicht aufzubringen. Was auf den ersten Blick wie eine zentralistisch gesteuerte Monokultur anmutet, war in Wahrheit Ausdruck einer völkerübergreifenden Verständigung: auch das eine augenfällige Parallele zur amerikanischen Supermacht der Neuzeit.

Galinsky skizziert mit leichter Hand eine Epoche, die weit in unsere Zeit ausstrahlt. Sein Blick für Wechselwirkungen zwischen politischen und ästhetischen Phänomenen macht diese Biografie lesenswert.

Augustus‘ Persönlichkeit selbst bleibt nicht nur für politische Akteure relevant. New Yorks ehemaliger Bürgermeister Rudolph Giuliani sieht in dem römischen Kaiser vor allem für heutige Wirtschaftsbosse ein Vorbild. Seine Fähigkeit, Vertrauen zu vermitteln und eine bestimmte Richtung vorzugeben: Das würde aus einem wieder zum Leben erweckten Augustus einen „nahezu perfekten Geschäftsführer machen“.

Karl Galinsky: „Augustus  – Sein Leben als Kaiser“, Philipp von Zabern Verlag: Darmstadt 2013; 224 Seiten, 29,99 Euro.

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